Trainingsansätze

In Hinblick auf Charlies bevorstehende vollständige Erblindung haben wir uns neue Trainingsziele gesetzt, von denen wir glauben, das sie uns das Leben erleichtern werden.

Generell zielen alle genannten Kommandos und Maßnahmen darauf ab, Charlie weiterhin ein artgerechtes Leben zu bieten und auch mal ohne Leine laufen lassen zu können. Er ist sehr kommandosicher und wenn es irgendwie möglich ist, möchte ich ihm eine Zukunft ersparen, in der er nur noch an Leine und Schleppleine laufen darf. Das Ziel lautet, dass er in bekanntem Gelände unter meiner Aufsicht auch frei laufen darf ohne andere oder sich zu gefährden.

Praktisch ist in diesem Zusammenhang (wenn man das so formulieren darf), dass Charlie schon nachtblind ist. Wir können also seine „Defizite“ nachts erkennen und dann bei Licht trainieren. Die Nachtblindheit ist uns relativ früh aufgefallen und war auch der Anlass für alle folgenden Untersuchungen. Natürlich ist es nicht so, dass Charlie im Dunkeln völlig orientierungslos ist oder ständig vor Gegenstände läuft, ganz im Gegenteil. In bekanntem Umfeld merkt man kaum, dass er nachts nichts sieht! Er geht die übliche Abendrunde freilaufend und bewegt sich dabei nicht anders als Lis. Denn dort kennt er eben die Strecke auswendig und im wahrsten Sinne des Wortes blind.

So haben wir seine Probleme auch erst erkannt, als wir abends bei Freunden waren und eine fremde Strecke gelaufen sind. Charlie ist hilflos über eine Treppe gepurzelt, weil er sie einfach nicht gesehen hat und zu schnell unterwegs war, um die Treppe mit den anderen Sinnen zu erkennen. Lis lief neben ihm und hat die Treppe problemlos gemeistert. Da mag man noch denken: „Er ist ein junger Hund und ungestüm, das passiert schon mal.“ Spätestens aber, wenn er dann an der Leine zielsicher gegen eine Ampel läuft, nimmt man sein Verhalten als Problem wahr. Das haben wir und nun üben wir mit ihm Dinge, die wir als sinnvoll für einen blinden Hund erachten.

Keine Handzeichen mehr

Sowohl Lis als auch Charlie reagieren zuverlässig auf Handzeichen oder Sicht-Kommandos. Wir haben ein Zeichen für Sitz, Platz, Stop, Hier, Dreh-Dich und viele mehr. Da wir immer mehr auf die Handzeichen und Körpersprache als auf stimmliche Kommandos trainiert haben, musste ich mich in diesem Punkt bei Charlie umstellen. Ich bin also tagelang nur mit den Händen in den Taschen herum gelaufen, damit ich rein stimmliche Kommandos benutze. Für ihn war die Umstellung übrigens einfacher als für mich, während ich noch damit beschäftigt war, meine Hände im Zaum zu halten, hatte er das stimmliche Kommando umgehend ausgeführt.

Stopp

Das „Stopp“ gehört zu den Kommandos, die Charlie schon recht früh gelernt hat. Es ist ein Alltagskommando, das wir immer dann nutzen, wenn er unvermittelt anhalten soll. Anfangs haben wir das „Stopp“ an der Leine geübt, wenn wir stehen geblieben sind, habe ich „Stopp“ gesagt. Im zweiten Schritt haben wir es im Freilauf bei Fuß geübt, also Charlie auch noch neben mir. Und im letzten Schritt habe ich das Kommando etabliert, wenn Charlie auf mich zugelaufen ist. Ich habe mich dann groß gemacht, beide Arme abwehrend nach vorne gehalten und „Stopp!“ gerufen. Bei den ersten Versuchen habe ich manchmal auch noch einen Schritt in seine Richtung gemacht, was ihn immer dazu gebracht hat, stehen zu bleiben. Dieses etablierte Kommando übe ich seit der Diagnose wieder verstärkt, ich hoffe, ihn damit in Zukunft vor Hindernissen ausbremsen zu können.

Treppe

Viele blinde Hunde erkennen Stufen oder Treppen mit ihren übrigen Sinnen, bei Charlie ist das häufig nicht der Fall, besonders, wenn es sich um fremde Treppen handelt. So habe ich mir angewöhnt, jedes Mal, wenn wir gemeinsam Stufen oder eine Treppe gehen zu sagen „Treppe“ (auch bei Tageslicht, obwohl er dann die Treppe zu heutigen Zeitpunkt noch sieht). Um zu testen, ob er dieses Kommando wirklich mit einer Treppe verknüpft, bin ich vor einigen Tagen im Dunklen zu einer ihm unbekannten Treppe gefahren, angeleint recht forsch mit ihm auf diese zugegangen und habe kurz davor „Treppe“ gesagt. Und siehe da: Er zögerte und tastete sich suchend mit den Pfoten vorwärts, er ist nicht gestolpert! Auf der Treppe selber ging er sehr nah bei mir, mit der Schulter an meinem Knie, fast schon auf Körperkontakt. Ich vermute, dies lässt ihn meine Schrittlänge erkennen und die Stufen besser einschätzen.

Vorsicht

Das „Vorsicht“ soll dazu dienen, Charlie zu signalisieren, dass sich der Untergrund oder die Situation verändert. Es geht mir nicht wie beim „Stopp“ darum, ihn zum Anhalten zu bewegen, sondern nur darum, ihn aufmerksam zu machen. Wenn er sich zum Beispiel vom Feldweg weg bewegt und ein kleiner Graben oder Ackerfurchen auf seinem Weg liegen, sage ich „Vorsicht“ damit er das Hindernis erkennen kann. Neulich auf einer nächtlichen Runde lief er auf Lis und mich zu und war zu schnell um zu erkennen, dass Lis seinen Weg kreuzen würde. Intuitiv rief ich „Vorsicht! Lis im Weg!“ (Ja, das habe ich wirklich gerufen.) und Charlie wurde sofort langsamer, nahm Lis offensichtlich wahr und machte einen Bogen um sie. Ein weiteres Mal habe ich das „Vorsicht“ erfolgreich getestet, als er auf ein Schlammloch zuraste. Er wurde langsamer, ging vorsichtiger auf das Schlammloch zu, lächelte in meine Richtung und wälzte sich dann erst darin.

Rechts / Links

An Wegkreuzungen und Abbiegungen benutze ich als Richtungsanzeige „Rechts“ und „Links“ in der Hoffnung, dass ich ihn in Zukunft damit an Hindernissen vorbei lotsen kann. Wenn er sich versetzt vor mir befindet und rechts abbiegen soll, sage ich „Rechts“ und wenn er erfolgreich die richtige Richtung nimmt, klickere ich. Die falsche Richtung ignoriere ich einfach. Wenn er auf einer Höhe mit mir ist, sage ich das Kommando während des Abbiegens und klickere, wenn er sich von mir leicht in diese Richtung führen lässt oder diese von selbst einschlägt.

nah bei

„Nah bei“ ist ein erweitertes „Fuß“. Jedoch soll er dabei nicht neben mir gehen, sondern leicht nach hinten versetzt, quasi auf einer Linie mit mir, im Optimalfall mit der Nase in meiner Kniekehle. Damit führe ich ihn durch Engpässe hindurch, geübt haben wir das unter anderem auf einer Holzplanke, über die er so mit mir gehen musste. Ich erhoffe mir dadurch, ihn mit meinem Körper vor seitlichen Begrenzungen / Hindernissen schützen zu können.

Hand

In unserem privaten Umfeld befinden sich einige nette und hundefreundliche Kinder, zu denen Charlie kontrollierten Kontakt haben darf. Ich würde ihn als äußerst kinderfreundlich und geduldig beschreiben, er genießt die Aufmerksamkeit und die zusätzlichen Streicheleinheiten. Damit diese Streicheleinheiten nicht zu einem Schrecken führen, wenn er blind ist, etablieren wir gerade das Kommando „Hand“. In vielen Situationen, in denen ich ihn streichele, sage ich vorher „Hand“, damit er mit der Berührung rechnet. Wir üben dies auch am Fressnapf, wenn er abgelenkt ist und mich nicht anschaut. Ich nähere mich ihm dann seitlich oder von hinten, sage „Hand“ und berühre ihn. Wenn er dann vollständig erblindet ist und nicht von sich aus Körperkontakt aufnimmt, sondern von uns berührt wird, soll das „Hand“ dazu führen, dass er mit einer Berührung rechnet und nicht erschrickt.

leise Schnalzgeräusche

Viele Halter blinder Hund tragen ein Glöckchen am Futterbeutel oder der Jacke, damit der Hund sie auditiv wahrnehmen kann. Dies ist für viele Mensch-Hund-Teams mit Sicherheit eine tolle Lösung, ich jedoch fühle mich nicht wohl damit. Es kommt hinzu, dass eines unserer grundlegenden Probleme damit nicht gelöst werden kann: Wenn ich Charlie im Dunklen heran rufe, rennt er in meine Richtung, erkennt aber nicht, wo genau ich stehe und rennt mich häufig um. Ein Glöckchen würde in dieser Situation nicht helfen, da ich mich ja nicht bewege, sondern stehe.

Da meine Freude an blinden Zusammenstößen aber gering ist und ich zu blauen Flecken neige, musste zwingend eine Lösung her. Ich erinnerte mich daran, einmal einen faszinierenden TV-Bericht über Klicksonar (aktive bildgebende Echoortung) gesehen zu haben. Blinde Menschen orientieren sich hierbei über das Echo ihres Zungenschnalzens. Eine für mich unvorstellbare Leistung und wirklich beeindruckend. Charlie das Schnalzen mit der Zunge beizubringen erscheint mir allerdings unmöglich, weshalb ich mich entschied, dass ich schnalze und er so orten kann, wo ich stehe. Nicht so imposant wie aktive Echoortung, aber immerhin eine Lösung.

Ich kann also stehen, sitzen oder gehen, die Schnalzgeräusche machen es ihm möglich, auditiv zu erfassen, wo ich mich befinde. Ein weiterer Vorteil für mich ist, dass ich das Schnalzen nach Bedarf anwenden kann und nicht dauerhaft Glöckchen an meiner Kleidung bimmeln.

Maßnahme für Dritte

Und hier noch eine Maßnahme, die ich getroffen habe, um Dritte zu erhöhter Aufmerksamkeit zu bringen: Ich habe Charlie ein gelbes Halstuch mit 3 Punkten gebastelt, das ihn gut sichtbar als blinden Hund kennzeichnet.

Im Normalfall habe ich eine gute Reaktion und bin in der Lage, meine Hunde heran zu rufen und „Sitz“ machen zu lassen, wenn sich uns Fahrradfahrer, Kinderwagen oder Fußgänger nähern. Manchmal sind die Fahrradfahrer aber so schnell unterwegs, dass die Zeit nicht reicht. Charlie und Lis weichen dann von sich aus auf den Rand des Weges aus und bleiben stehen. Wenn Charlie aber erblindet ist, wird er das nicht mehr leisten können. Um unsere Mitmenschen zur Vorsicht zu mahnen, trägt er also das Halstuch. Ich hoffe, dass andere dann etwas mehr Rücksicht auf uns nehmen und auch andere Hundehalter ihren Hund mal an die Leine nehmen, was ja leider nicht die Regel ist.

Da die Halstücher, die man online findet, meist aus Baumwolle sind und für meine Ansprüche nicht genug „Stand“ haben und verknittern, habe ich mich zum „Eigenbau“ entschieden. Ich war in einem Shop für Stoffe und habe gelben Filz gekauft, der toll leuchtet, etwas steifer, aber trotzdem weich ist, und sich leicht zuschneiden lässt. Die 3 Punkte sind ebenfalls aus Filz und aufgeklebt, für den Verschluss habe ich einen Druckknopf gewählt. Man muss nicht nähen können, da der Filz seitlich nur geschnitten wird ohne auszufransen und auch sonst erfordert es wenig Geschick. Das ganze habe ich noch imprägniert (danach gut gelüftet) und nun haben wir mit wenig Aufwand ein sehr auffälliges Halstuch.

 

dreipunktecharlie

dreipunktecharlie

 

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3 Gedanken zu “Trainingsansätze

  1. So manchem Hundehalter wäre ggf. egal, dass sein Hund erblindet, frei nach „Der Hund wird schon lernen, irgendwie klarzukommen.“
    Dass du deinen Hund vorbereitest und mit soviel Weitsicht trainierst, finde ich wirklich total klasse! 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Lost in the dark | dreipunktecharlie

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