„Ja!“ zum (blinden) Hund

Kennt Ihr diesen Typus Mensch, der alles „kritisch“ hinterfragt? Ich schon…

Schon als ich mich für Lis entschied, ging es los: „So ein Hund bedeutet doch viel Verantwortung – möchtest Du Dir das wirklich zumuten?!“

Als Lis sich dann als schwieriger Hund entpuppte, wurde es konkreter: „Warum hast Du Dir denn keinen einfachen Hund ausgesucht?“ Davon abgesehen, dass ich nicht weiß, was „einfacher Hund“ bedeuten soll, finde ich solche Fragen wirklich überflüssig. Lis kommt aus einer Tötungsstation in Rumänien und hatte Angst vor Menschen. Bis heute ist sie eher misstrauisch und benötigt einige Zeit, bis sie Vertrauen fasst. Ich habe mich damals bewusst für sie entschieden, ich hatte Hunde-Erfahrung, die Möglichkeit sie mit ins Büro zu nehmen und keine Scheu davor, mich mit ihr auseinander zu setzen. Und ich würde diese Entscheidung für sie immer wieder treffen, denn sie ist ein toller Hund.

Als dann die Entscheidung für den Zweithund fiel, waren die Fragen nicht besser: „Zwei Hunde? Du hast doch schon mit einem genug zu tun!“ Klar, in jedem Haushalt, in dem mehr als ein Hund lebt, geht es drunter und drüber. Alle Hunde toben über Tische und Sofas, klauen das Essen vom Tisch, auf Spaziergängen muss man einen Sack Flöhe hüten und hat niemals wieder eine ruhige Sekunde im Leben. (Die vorangegangenen Aussagen können Ironie enthalten.)

Es scheint für Nicht-Hundehalter unvorstellbar zu sein, dass das Leben mit zwei oder mehr Hunden sich nicht wirklich vom Leben mit einem Hund unterscheidet. Von der doppelten Freude einmal abgesehen.

Ich gehe ganz alleine mit zwei Hunden spazieren, beide sind abrufbar, ich kann beide an der Leine führen, beide beherrschen die Grundkommandos, beide gehen mit ins Büro und wissen sich auch dementsprechend zu benehmen. Wir fahren mit den Hunden in Urlaub (Ja, auch in Hotels!), nehmen sie mit ins Restaurant und zu Freunden und es gibt sogar Menschen in unserem Umfeld, die sich bereit erklären, auf beide Hunde gleichzeitig aufzupassen, wenn sie uns nicht begleiten können. Es muss nicht jeder mit Hunden leben wollen, das ist nicht mein Anspruch, aber ich fände es schön, wenn meine Lebensweise ohne Vorbehalte hingenommen würde. Denn ich empfinde das Leben mit Hunden in keiner Weise anstrengend, sondern einfach nur bereichernd.

Doch diese grundsätzliche Kritik lässt sich offensichtlich noch steigern, was mir vor Charlies PRA-Erkrankung nicht bewusst war: „Der wird blind? Der sieht nachts schon nichts mehr? Gibst Du den jetzt zurück?“ Ich gebe zu, diese Fragen entsprechend nicht dem Großteil der Reaktionen auf Charlies Erkrankung, die meisten haben Mitgefühl. Aber es gibt eben auch diese Stimmen im Umfeld. Traurig, aber wahr.

Sollte man auf solche Fragen eingehen? Sich rechtfertigen? Ich schwanke da wirklich. Auf der einen Seite finde ich solche Fragen anmaßend und sollte sie keiner Antwort würdigen. Auf der anderen Seite bleibt die Hoffnung, dass ich mit einer Antwort Verständnis erzeuge. Da ich aber je nach Situation und Stimmung meine Antwort nicht immer angemessen formulieren kann und mich unter Umständen schon mal im „Ton vergreife“, werde ich in Zukunft auf diesen Beitrag verweisen und darum bitten, die Antworten auf die blöden Fragen hier nachzulesen.

„Der wird wirklich blind?“

Ja. Wird er. PRA ist eine genetisch bedingte Krankheit und nicht heilbar.

„Der sieht nachts schon nichts mehr?“

Ja. Charlie ist nachtblind. Diese Nachtblindheit ist allerdings für uns eine Lernphase und wir haben die Möglichkeit, uns auf die vollständige Erblindung einzustellen.

„Gibst Du den jetzt zurück?“

Die mit Abstand unverschämteste Frage. Die hat bei mir Schnappatmung hervorgerufen. Leider kann man im Leben nicht zu allen Menschen den Kontakt abbrechen, sei es beruflich oder familiär bedingt, obwohl das wahrscheinlich die einzig angemessene Reaktion wäre. Da ich aber nun am PC sitze, die Frage nur Revue passieren lasse und diesen Menschen nicht vor mir habe, ringe ich mich zu einer Antwort durch:

Zurückgeben? Ich höre wohl nicht richtig. Ich lebe mit meinen Hunden zusammen. Das bedeutet, dass ich sie liebe, Verantwortung für sie übernehme, ihnen fürsorglich begegne und sie Teil meines Lebens sind! Und ich gehöre zu der Sorte Hundehalter, die verstanden haben, was das bedeutet: Zusammensein, bis der Tod uns scheidet. Einen Hund gibt man in meiner Welt nicht ab. Unter keinen Umständen. Und erst recht nicht, weil er eine Krankheit hat.

Und jetzt in aller Deutlichkeit: JA, Charlie wird blind und das ist kein Grund, ihn weniger zu lieben.

Er ist ein gut erzogener, charmanter, liebenswerter Hund. Er ist fröhlich, zutraulich, freundlich. Er ist verspielt, empathisch, anhänglich, mag große und kleine Menschen, hat einen wundervollen Umgang mit Kindern, kommt hervorragend mit anderen Hunden zurecht, hat im Büro die Herzen aller Kollegen erobert, tröstet mich, bringt mich zum Lachen, ist einfach präsent und nicht mehr wegzudenken. Ihn scheint seine voranschreitende Erblindung auch nicht zu stören, er kommt wunderbar zurecht und lässt sich durch nichts die Laune verderben.

Also, welche Rolle spielt es, ob er sehen kann? Lieber zweifelnder Kritiker, kannst Du mir diese Frage beantworten?

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5 Gedanken zu “„Ja!“ zum (blinden) Hund

  1. Der Beitrag ist wirklich wunderschön geschrieben und spricht mir aus dem Herzen! Ich habe selbst zwei Hunde und durfte mir schon viel anhören. Sei es: Du bist zu Jung oder der Hund ist viel zu schwierig als Ersthund. Ja er war und ist manchmal noch schwierig, aber wir haben dafür auch sehr viel trainiert, das er jetzt entspannter und nicht mehr Dauer pöbelnd durch die Lande zieht 😉 genauso durfte ich mir Sprüche anhören, als für mich klar war das ich einen Zweithund möchte. Es wurde dann eine alte kranke Hündin Namens Clara. Die Entscheidung Überlegung einen Rentner bei uns einziehen zu lassen hatte ich schon länger. Die Entscheidung sie zu nehmen hat genau 5 Min gedauert. Und auch nur deshalb weil ich zwischen zweien entscheiden musste, wer es nötiger hat. (Eine furchtbare Entscheidung) Ich habe es aber keinen Tag bereut! Es gibt nichts schöneres im Leben als meine Fellschnauzen 🙂
    Und ich finde es toll wie du die Fragen hier beantwortet hast! Leider gibt es viel zu viele Leute, die überhaupt auf die Idee kommen solche Fragen zustellen…
    LG Christina und die Fellnasen

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  2. Liebe Christina,
    vielen Dank für Dein Feedback! Auch wenn es mir leid tut, dass Du mit solchen Fragen konfrontiert wirst, so bin ich auf der anderen Seite erleichtert, damit nicht alleine zu sein. 😉
    Vor Deiner Entscheidung, eine „graue Schnauze“ zu adoptieren, ziehe ich den Hut! Ich spiele auch jetzt schon mit dem Gedanken, einen Rentner bei uns aufzunehmen, wenn unsere Lis mal nicht mehr ist. (Was hoffentlich noch lange dauert!) Ich mag die Altersweisheit und Ruhe, die sie ausstrahlt und bin der Überzeugung, dass sie Charlie damit Sicherheit vermittelt. 🙂
    Liebe Grüße, Sandra mit Lis und Charlie

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  3. Liebe Sandra, schade dass Du solche Leute in deinem Umfeld ertragen musst. Umso toller dass Du die Antworten auf die unbegreiflichen Fragen so souverän (für Dich) beantwortet hast! Es ist bestimmt beruhigend, dass ihr die Dunkelheit dazu nutzen könnt, Euch auf das Kommende mit Charlie einzustellen. Dafür wünsche ich dir viel Erfolg. Weiterhin auch viel Kraft, die fehlende innere Tiefe der Kritiker im Umfeld zu ignorieren.
    Alles Liebe, wir kennen solche Leute nämlich auch
    Danni

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    • Liebe Danni,
      vielen Dank für Deine aufbauenden Worte!
      Ja, es ist beruhigend, bei Dunkelheit eine “Testphase“ zu haben. Aber Charlie macht es uns auch einfach, er sprüht vor Lebensfreude (wenn er nicht gerade vor einen Baum oder ähnliches rennt) und das ist einfach ansteckend. 😉 Das baut auf, wenn man mal einen Hänger hat.
      Liebe Grüße
      Sandra

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