Glück

Diese kleinen Momente, in denen alles ganz ruhig ist und man spürt, wie das Glück den ganzen Körper durchflutet…

Ich neige zum Perfektionismus. Möchte immer alles planen, kontrollieren und das Bestmögliche erreichen. Und dann passiert das Leben.

Die Entscheidung zum Zweithund war sehr geplant, ich habe vorher geklärt, wer aus unserer Familie und dem Freundeskreis auch mal auf zwei Hunde aufpassen würde, alle Kosten inklusive Versicherung und eventuellen Tierarztbesuchen kalkuliert, mir Gedanken gemacht, welcher Typ Hund zu Lis passen könnte, die Kollegen im Büro um ihr Einverständnis gebeten und erst dann angefangen, nach einem Hund zu schauen. Als wir Charlie auf der Pflegestelle kennen lernten und Lis ihn auf Anhieb mochte, habe ich mir trotzdem noch Bedenkzeit erbeten, um ganz sicher zu sein. Ich wollte, dass alles passt.

Nachdem Charlie dann bei uns eingezogen war, habe ich Trainingstagebuch geführt, um mich selber zu kontrollieren und festzuhalten, welche Ansätze bei ihm wirken und welche nicht. Im Gegensatz zu Lis, die total verfressen ist und am besten über Futter belohnt wird, ist Charlie nämlich eher der Typ, dem verbaler Zuspruch und Streicheleinheiten als Belohnung liegen. Lis ist beim Training wahnsinnig aufgedreht und bietet viele Dinge von alleine an, Charlie ist eher zögerlich und wartet ab, was genau ich von ihm erwarte. Er hat einen ausgeprägten „will to please“, ist aber nicht so „arbeitseifrig“ wie Lis. Lis legt einfach los beim Training und spult manchmal sogar ein Programm ab, Charlie ist hochkonzentriert, beobachtet mich und versucht herauszufinden, was ich erwarte. Er sucht eine ganz enge und direkte Zusammenarbeit mit mir und fordert mich insofern, als dass er klare und ruhige Kommunikation braucht. Bin ich zu hektisch oder gar ungeduldig, setzt er sich ab und wartet ab, was ich denn nun wirklich will oder meine.

Dass ich mit ihm ruhiger und anders arbeiten muss, als mit Lis hatte ich somit erkannt. Also habe ich meine Kommunikation ihm gegenüber umgestellt und arbeitete bei ihm deutlich mehr über Körpersprache, als bei Lis. Handzeichen, eine Neigung des Körpers, ein Nicken – das sind Zeichen, die Charlie deutlich lieber angenommen hat als sprachliche Signale.

Und dann spielt das Leben Dir einen Streich! Ausgerechnet dieser Hund wird blind. Er wird meine Körpersignale nicht mehr sehen, nicht mehr auf Fingerzeig reagieren und uns wird ein wesentlicher Teil unserer Kommunikation genommen.

Das war so nicht geplant.

Gut, der Planer in mir ist flexibel und schnell war ein neuer Plan aufgestellt. Sofortiges Einstellen aller Sichtzeichen und Umstellung auf sprachliche Kommandos. Trainingsansätze finden, die ihm helfen können, wenn er erblindet ist. Und trotzdem war da anfangs dieses komische Gefühl im Bauch, ein kleines fieses „Das Leben ist ungerecht!“. Die Sorge, wie er mit der Erblindung klar kommen würde, ob er trotzdem ein ausgeglichener Hund sein könnte.

Diesen Zweifeln hat Charlie eine Lektion erteilt. Er hat mir eine Lektion erteilt.

Weichen wir heute im Dunkeln von unseren gewohnten Wegen ab und er sieht aufgrund der Nachtblindheit nichts, zeigt er mir sehr genau, welche Führung er braucht. Er geht ganz nah neben mir, berührt mit der Schulter fast mein Bein, als wolle er sich anlehnen. Er baut einen sehr engen Kontakt auf, lehrt mich, wie ich auch mit einem blinden Hund über den Körper kommunizieren kann und zeigt mir, dass er mir vertraut, dass ich ihn so leiten kann. Und dann platze ich vor Glück! Er hat eine Lösung gefunden, die ich so niemals hätte planen können.

Ist er im Freilauf unterwegs und ich rufe ihn ran, schnalze ich mit der Zunge, damit er orten kann, wo ich stehe. Die ersten Male war das ungewohnt für ihn, er stoppte zu früh und stand zwei Meter vor mir oder er stoppte zu spät und bremste mit der Schnauze an meinem Knie. Doch nach wenigen Wiederholungen hat er die Distanz besser einschätzen können und sich sogar angewöhnt, den Kopf leicht hoch zu halten, damit er mit der Nase meine Hand berühren kann. Die Berührung signalisiert uns beiden, dass wir einander gefunden haben und gibt mir die Möglichkeit, ihn direkt mit einem Krauler am Kinn zu belohnen. Und wenn ich dann in tiefster Dunkelheit auf der Wiese stehe, meinen nachtblinden Hund rufe und er findet zielstrebig meine Hand, rauscht das Glück durch meinen Körper!

Charlie ist nicht unzufrieden. Er trauert nicht um sein Augenlicht. Er lebt einfach.

Wie ich zu dieser Schlussfolgerung komme? Weil sein Wesen sich nicht verändert hat. Er ist immer noch der „Strahlemann“, der ständig gut gelaunt ist. Er genießt, er kann entspannen und er entwickelt Verhaltensweisen, die seine schwindende Sehkraft kompensieren.

Wenn wir Abends im Wohnzimmer sitzen, er zu Lis auf den Sessel springt und sich an sie legt, alles um uns ganz ruhig ist, dann spüre ich es: Das Glück. Es ist nicht alles perfekt, nicht alles planbar, und doch steht das Glück greifbar im Raum. Wir sind zufrieden, wir sind bei einander und wir entspannen gemeinsam. Ein schönes, warmes Gefühl, das man nicht sehen, sondern nur erleben kann.

Im Sessel

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Ein Gedanke zu “Glück

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