Bürohund!

Charlie und Lis sind Bürohunde. Anders wäre mein Zusammenleben mit den beiden wohl auch nicht möglich, denn sie wochentags alleine zu Hause zu lassen, wäre für mich keine Option. Schon vor Lis‘ Einzug bei mir war klar, dass ich sie mit ins Büro nehmen würde. Chefetage und Kollegen waren vorab befragt und einverstanden. Als Charlie dann zu uns kam, durften die Kollegen sogar im Vorfeld mit-entscheiden und haben Fotos der potentiell in Frage kommenden Hunde gesehen und ähnliches.

Zu einem Alltag im Büro mit Hund gehören für mich natürlich Grundlagen, die erfüllt sein müssen: Angefangen bei der Erlaubnis durch das Unternehmen und die Kollegen, bis hin zu festen Regeln für alle. Wir haben das große Glück, dass im Team niemand allergisch reagiert oder Angst vor Hunden hat, was natürlich ein Ausschlusskriterium gewesen wäre.

Ansonsten gilt: Die Hunde dürfen niemanden stören und ich habe Sorge dafür zu tragen, dass sie sich benehmen. Neben einer Grunderziehung gehören dazu auch eine entsprechende körperliche und geistige Auslastung, damit sie auch wirklich entspannt im Büro sein können.

Während der Jahre mit Lis alleine gestaltete sich ihr Dasein als Bürohund so, dass Lis morgens mit mir ankam, sich in ihr Körbchen gelegt hat, einen leichten Schlaf bis mittags gemacht hat, wir eine große Runde gelaufen sind, sie am Nachmittag wieder schlief und abends mit mir nach Hause fuhr. Der Kontakt zu Kollegen war sehr gering, da Lis nicht unbedingt der große Menschenfreund ist. Ein Nebeneinander ohne Berührungspunkte.

Und dann kam Charlie! Menschenfreund, kontaktfreudig, aufgeschlossen und immer neugierig. Anfangs habe ich ihn im Büro allen vorgestellt und die Hoffnung gehegt, dass er wie Lis wird. Verlasse ich das Büro, um in einen anderen Raum zu gehen, sage ich zu Lis einfach nichts. Nur, wenn sie mir folgen soll, bekommt sie ein Kommando. Schweigen bedeutet, sie bleibt liegen. Charlie ist da ganz anders. Für ihn ist es klar, er folgt mir unaufgefordert und bleibt nur, wenn er ein entsprechendes Kommando bekommt. Gut, da könnte man sich umstellen. Und ich habe es wirklich versucht! Doch nach 5 Minuten „Bleib!“ wurde es ihm zu langweilig und er ging auf Streifzug im Büro. Also habe ich ihn angeleint. Das tat den Kollegen leid. Und sie meinten, er dürfe sich doch gerne frei bewegen. Sie sprachen ihn an, streichelten ihn, fragten nach Leckerchen, er war voll adoptiert! Also änderten wir die Regeln: Charlie darf sich im Großraum-Büro frei bewegen. Meist liegt er bei mir oder ist mit mir in den Räumen unterwegs, manchmal liegt er aber auch vor meiner Bürotüre und ist im Mittelpunkt des Geschehens. Die Kollegen nehmen Kontakt zu ihm auf, sprechen ihn an, geben ihm aber auch mal Kommandos und belohnen ihn dann mit Leckerchen. Er darf Pfote geben, Sitz machen, Tricks zeigen und stellt für alle eine willkommene kurze Ablenkung dar. Bei Lis hat über 10 Jahre niemand gemerkt, dass sie „Winken!“ und „Dreh Dich!“ und ähnliche Tricks kann, bei Charlie haben die Kollegen einfach alles ausprobiert. Er ist halt ein Eisbrecher.

Nun haben wir eine zweite Form von Bürohund: Der, der Kontakt zu den Kollegen hält, morgens alle persönlich begrüßt, in kurzen Pausen auch gerne mal gestreichelt oder bespielt wird. Da er aber niemandem auf die Nerven geht und natürlich auch im Büro längere Schlafphasen hat, kann ich mit dieser Form von Bürohund auch leben. Und was am Wichtigsten ist: Meine Kollegen auch. Sogar mit Freude.

Klar, es ist nicht immer alles eitel Sonnenschein im Leben mit Bürohund. Mal gibt es Termine, zu denen die Hunde nicht mitkönnen. Dann passt aber meine Mutter auf die beiden auf. Mal stehen Überstunden an, dann müssen wir improvisieren. Sind die Überstunden geplant, nehme ich Futter für das Abendessen mit und mache eben zwischendurch eine Pause, damit sie eine kleine Abendrunde drehen können. Sind sie ungeplant, gehen wir kurz raus und halten am nächsten Supermarkt, dann gibt es ausnahmsweise Hüttenkäse für den kleinen Hunger zwischendurch.

Auch wenn die Hunde krank sind, ist es natürlich etwas komplizierter. Jedoch hatte ich bisher immer das Glück, dass beide arbeitstauglich und in einem Zustand waren, in dem sie mit ins Büro konnten. Lis hatte zwei Bänderrisse, was aber für uns beide zu Hause genau so mühselig war, wie im Büro. Und zur Not gibt es dann auch wieder meine Mutter, die die Krankenpflege übernehmen würde. (Ich muss ihr dafür immer wieder danken, das ist so hilfreich!) Und zur größten Not nehme ich, falls möglich, eben einen Tag Urlaub.

Auch Charlies fortschreitende Blindheit stellt zur Zeit im Büroalltag kein Problem dar. In meinem Büro wird nichts umgeräumt, sind andere Möbel umgestellt oder steht etwas im Weg, führe und gewöhne ich ihn daran. Manchmal läuft er zwar gegen ein Hindernis, aber das werde ich zu keinem Zeitpunkt gänzlich verhindern können. Egal ob im Büro oder in der Freizeit.

Neben meinem beiden gibt es in unserem Unternehmen zur Zeit keine weiteren Bürohunde, ein Kollege hat seinen Hund einige Zeit mitgebracht, als seine Frau sich tagsüber nicht kümmern konnte. Er hatte seinen Hund bei sich, ich meine bei mir und in der Pause sind wir gemeinsam spazieren gegangen. Völlig unkompliziert. Gut erzogene und sozialisierte Hunde können das.

Kenne ich weitere Beispiele? Mein Bruder hatte früher, als er noch Hundehalter war, seinen Berner Sennenrüden auch mit im Büro, das stellte ebenso wenig ein Problem dar, wie bei mir.

Ein Bekannter hat sein Büro zu Hause und somit strenggenommen auch einen Bürohund. Eine andere Bekannte nimmt Ihren Hund mit in ihre Boutique, in meiner Lieblingsbuchhandlung gibt es einen netten Dackel, der an einigen Tagen die Woche dort „arbeitet“. Ja, ich kenne einige Beispiele, in denen das wunderbar funktioniert.

Und doch lese ich in letzter Zeit immer wieder Artikel, die sich diesem Thema gegenüber eher negativ aussprechen. Was mich meistens irritiert. Ja, ich bin durchaus in der Lage, andere Meinungen zu zulassen, darum geht es nicht. Aber warum die negative Grundstimmung? Oder empfinde ich das falsch?

Ich sehe ein, es gibt Konstellationen und Voraussetzungen, die gegen Hunde im Büro sprechen. Aber es gibt auch Gründe, die dafür sprechen. Und ich finde, dass sollte jedem Unternehmen, jedem Mensch-Hund-Team und jeder Bürogemeinschaft selber überlassen werden.

Wenn alle Beteiligten eine gute Lösung gefunden haben und alle zufrieden sind, was sollte dagegen sprechen? Warum ist es egoistisch, dass ich mir Hunde anschaffe und sie dann mit ins Büro nehme? Kann ein Berufstätiger nicht zugleich Hundehalter sein? (Wie trägt jemand, der nicht arbeitet, eigentlich die Kosten der Hundehaltung?) Meine Hunde sind es gewohnt, mit ins Büro zu gehen. Andere Hunde haben einen Hundesitter, während Ihre Halter arbeiten sind. Wiederum andere bleiben vielleicht halbtags alleine. Ich finde, diese Entscheidungen, wie man lebt, sollte denen überlassen sein, die es leben müssen. Ich mag diese „Experten“ nicht, die Hunde im Büro zum Reizthema aufbauschen und beurteilen wollen, was für meine Hunde und mich am Besten ist. Das Thema „Hund im Büro“ ist meiner Meinung nach viel zu vielschichtig, um es pauschal beurteilen zu können. Es hängt von zu vielen individuellen Bedingungen (Unternehmen, Kollegen, Typ Hund, usw.) ab, um eine gemeingültige Aussage treffen zu können.

Habt Ihr Erfahrungen mit Bürohunden? Wie steht Ihr zu dem Thema?

Lis im Büro Charlie im Büro

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3 Gedanken zu “Bürohund!

  1. Ich glaube, ein eigener Hund wäre mir zuviel. Großstadt, winzige Wohnung, etc. Aber ein Bürohund wäre perfekt für mich, weil ich dann einen Hund haben könnte, ohne ihn wirklich zu haben. Das ist wie mit Omas und Enkeln: Man genießt die positiven Seiten, aber wird’s kompliziert, gibste die Enkel zurück. Ich will auch einen Bürohund 🙂

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