Es geht uns gut!

Jeder kennt das Gefühl der leichten Unzufriedenheit. Man ist „quengelig“, etwas stört, aber so richtig begründen kann man das nicht immer. Ich habe solche Situationen ab und an wegen Charlies Erkrankung. Dann frage ich mich, warum ausgerechnet er blind werden muss, warum Hunde überhaupt erkranken und warum das Leben manchmal ungerecht erscheint. Meist habe ich solche Gefühle schnell wieder im Griff, besonders, wenn ich meine Vernunft einschalte.

Es gibt unzählige Hunde, die viel schlimmer erkrankt sind und vor allem gibt es unzählige Menschen, die eine unheilbare Krankheit haben, da ist eine Erblindung Charlies in keiner Weise mit zu vergleichen. Und trotzdem erlaube ich mir diese Anfälle der Unzufriedenheit, lebe das Gefühl für einen Moment aus. Denn danach weiß ich unsere Situation immer besser zu schätzen als vorher.

Charlie wird blind und Lis ist alt. Das sind Tatsachen. Aber da sind die ganzen anderen Annehmlichkeiten unseres Lebens, die es zu einem so wahnsinnig guten Leben machen:

  • Wir haben ein warmes und gemütliches Dach über dem Kopf.
  • Wir haben ausreichend gesundes, nahrhaftes Essen zur Verfügung.
  • Die Hunde können mit mir zur Arbeit gehen und wir sind selten getrennt.
  • Wir haben Freunde und Familie, die immer für uns da sind.
  • Wir können uns einen Tierarzt und eine zusätzliche alternative Behandlung leisten ohne uns finanziell zu sehr einzuschränken.
  • Wir leben in einer wundervollen Gegend, in der ausgiebige Spaziergänge mit Freilauf möglich sind.
  • Wir halten zusammen und haben Spaß am Leben!

Der letzte Punkt ist für mich der emotionalste Punkt. Wenn morgens der Wecker klingelt, Charlie sein Körbchen verlässt und meine Hand anstupst, damit ich aufstehe. Lis in ihrem Körbchen liegt und grunzt, weil sie (genau wie ich) keine Lust hat, aufzustehen. Diese Rituale fühlen sich an wie gelebte Liebe! Das ist so verlässlich, so schön, so warm.

Wenn er voller Vorfreude jeden Arbeitstag aufs Neue in den Kofferraum springt, sich freut, wenn wir in der Firma ankommen, im Büro auf sein Kissen stürmt, schaut ob noch alles am Platz ist und danach die Kollegen begrüßt. Jede Mittagspause gleich stark bewedelt wird, jeder Feierabend von einem freudigen Bellen begleitet wird.

Wenn beide Hunde sich freuen, sobald sie den Klicker wahrnehmen, weil sie wissen, jetzt ist wieder Tricktraining angesagt. Wenn beide Hunde meine Mutter freudig begrüßen und diese so gut konditioniert haben, dass auf jede Begrüßung ein Leckerchen folgt.

Es ist unbeschreiblich, wie viel Freude die beiden an / in unserem Alltag haben, wie sehr sie das ausdrücken und übertragen. Wenn es mir mal nicht gut geht, nehmen beide Kontakt zu mir auf, versuchen, mich aufzuheitern. Sei es ein Ankuscheln, anstupsen oder einfach eine Aufforderung zum Spiel. Und sie haben immer Erfolg. Wenn meine beiden sich in den Kopf gesetzt haben, mich aufzuheitern, dann schaffen sie das auch. Lis hat dabei die verständnisvolle Rolle, sie ist für das Beruhigen zuständig. Und danach gibt Charlie den Clown. Da bleibt mir dann keine andere Wahl und ich muss unter Garantie lachen.

Umgekehrt bin ich für sie da: Erschrickt Charlie sich vor etwas, das er nicht sehen konnte, kommt er nah an mein Bein und ich gebe ihm Sicherheit. Ich regele solche Dinge für ihn. Lis hat keinen Bock auf fremde Menschen? Sie kommt zu mir und ich sorge für die Einhaltung ihrer Individual-Distanz. Ein fremder Hund pöbelt uns an oder greift sogar an? Ich kümmere mich. Meine beiden halten sich zurück und lassen mich machen. Sie haben sich vertreten oder eine Verletzung zugezogen? Sie kommen zu mir und ich muss gucken. Ich untersuche, tröste und heitere danach auf. Bei allen unseren Rituale und Gewohnheiten haben wir feste Rollen, die wir gerne übernehmen und die dem anderen helfen. Ich liebe es, Teil dieses Teams zu sein.

Und bei all dem, das wir füreinander sind und das wir uns gegenseitig geben, spielt die PRA überhaupt keine Rolle. Es ist egal, ob Charlie sieht oder nicht. Denn es geht uns gut!

Heute Mittag waren wir auf einer großen Wiese und haben die Sonne genossen. In solchen Momenten atme ich tief durch, sehe meine beiden Wahnsinnigen und wie sehr sie das Leben genießen und dann genieße ich einfach mit.

 

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3 Gedanken zu “Es geht uns gut!

  1. Schön, dass die zwei in dir einen verlässlichen und souveränen Rudelführer gefunden haben auf den sie sich sozusagen „blind“ verlassen können. Du machst das ganz toll, mach weiter so! Mit DER inneren Einstellung, werdet ihr noch viele schöne Stunden verbringen und leben. LG Danni

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