Charlie frisst nicht, er speist

Charlie war von Beginn an vorsichtiger, was Futter angeht, als Lis. Was er nicht kannte, hat er nur zögerlich angenommen, zuerst seziert, dann geschaut, ob Lis es verkraftet hat und danach gefressen.

Mit Fortschreiten der Erblindung wird dieses Verhalten immer ausgeprägter. Kann er den Inhalt seines Fressnapfes oder den Snack, den ich ihm anbiete, nicht sofort geruchlich identifizieren, tastet er sich ganz vorsichtig an das Futter heran. Er beschnüffelt es vorsichtig, leckt daran, nimmt einen kleinen Happen, der gründlich mindestens 10 x gekaut wird. Erst nach diesem Test-Ritual kann er mehr davon essen. Und das auch deutlich langsamer als Lis.

Lis war schon immer ein guter Fresser. Sie zog bei mir ein und hatte keinerlei Futter-Gewohnheiten. Egal, was ich ihr anbiete, es wird sofort verschlungen. Und ich biete zwischendurch recht viel an: Gurke, Banane, Apfel, Birne, Möhre, Avocado (in kleinen Mengen, wer aufschreit lese bitte hier: http://www.zeit.de/2013/44/stimmts-hunde-avocado) und sonstiges Obst und Gemüse, das ich auch esse. Eigentlich biete ich den beiden alles an, das auch auf meinem Speiseplan steht: Joghurt, Quark, Hüttenkäse, Käse, Fisch, Nudeln, gekochte Kartoffeln, sogar Soja und Tofu. Logischerweise immer nur als Happen zwischendurch, nicht als Ersatz für eine richtige Hundemahlzeit.

Und es läuft immer gleich: Ich halte zuerst Lis etwas hin. Ohne zu schnüffeln oder zu zögern reisst sie die Schnute auf und nimmt den happen sofort ins Maul. Kein Probieren, kein „Kenne ich das?“, was sie bekommt wird verschlungen.

Gestern habe ich eine Gemüsesuppe gekocht und von den Möhren bekommen die Hunde dann (fast) immer ein Stückchen. Da ist mir der Unterschied zwischen den beiden mal wieder so bewusst aufgefallen, dass ich sofort Fotos davon machen musste.

Ich stehe in der Küche und schneide das Gemüse, die beiden sitzen vor der Küche im Flur, denn wenn ich koche herrscht Küchen-Verbot. Dann rufe ich die beiden herein, sage laut „Möhre“ (oder was auch sonst ich füttere, ich benenne es) und halte es ihnen nacheinander hin.

Lis zögert keine Sekunde, macht das Maul auf und nimmt die Möhre. Diese wird an Ort und Stelle in Windeseile zerkaut (nicht wirklich gründlich) und geschluckt, falls Nachschub kommen sollte.

Charlie ist da ganz anders. Das erste Stück Möhre nimmt er nach gründlichem Beschnüffeln, trägt es in den Flur auf die Matte und begutachtet es ausführlich. Dann beißt er es vorsichtig durch, sortiert alle Einzelteile auf den Boden und fängt vorsichtig an, kleine Stücke zu kauen und zu schlucken. Dieser Vorgang dauert zwischen 2 und 3 Minuten, Lis bekommt dann immer eine Krise, da sie das zweite Stück, falls dieses existiert, erst bekommt, wenn Charlie das erste aufgefressen hat.

Das zweite Stück verschlingt Lis genauso schnell, wie das erste. Charlie hingegen trage ich das zweite Stück hinterher und das Spiel fängt wieder von vorne an.

 

Er nähert sich meiner Hand ganz vorsichtig.

Schnüffelt an der Möhre.

Zu Sicherheit schnüffelt er nochmals.

Er kommt zu der Entscheidung, dass dieses Stück auch essbar ist.

Er nimmt es vorsichtig aus meiner Hand.

Es wird wieder wie das erste Stück seziert.

Man könnte jetzt sagen, dass er einfach kein „guter Fresser“ ist, aber das stimmt so auch nicht. Wenn ihm etwas bekannt ist und ihm wirklich gut schmeckt, frisst er nach der ersten Begutachtung ziemlich schnell. Sein gewohntes Futter aus dem Napf zweimal täglich wird kurz beschnüffelt und dann ohne weiteres Zögern verputzt. Mische ich allerdings etwas unter das Futter (Brühe, Hüttenkäse, egal was), wird erst ein kleines Stück probiert, bevor es an die ganze Portion gehen kann.

Ähnlich ist das auch bei meiner Mutter. Wenn wir diese besuchen, gibt es meist einen kleinen Happen zwischendurch. Manchmal so tolle Sachen wie Suppenfleisch. Lis schlägt dann Salti und ihr kann es überhaupt nicht schnell genug gehen, Charlie zögert beim ersten Stück, stellt fest dass er es mag und kommt sich freiwillig sein zweites Stück holen. Dabei wird er aber nicht schneller oder hektischer, dieses Stück wird auch erst wieder beschnüffelt und dann vorsichtig aus der Hand genommen. Dann wird es auf das Kissen getragen, in Ruhe gegessen und dann macht der feine Herr sich langsam auf den Rückweg zu meiner Mutter, um zu schauen, ob es einen Nachschlag gibt.

Müsste ich ein Bild finden, das das Fressverhalten der beiden beschreibt, würde ich bei Lis spontan „Müllschlucker-mäßig“ assoziieren und bei Charlie „mit Serviette um den Hals“. Er schlingt nicht, er hat alle Zeit der Welt. Er ist nicht gierig und prüft lieber zweimal, bevor er es endgültig aufnimmt.

Ich bin wirklich gespannt, wie sich das bei ihm weiter entwickelt. Zur Zeit es ist so, dass er im Dunkeln, wenn er überhaupt nichts mehr sieht, nur Leckerchen nimmt, die er bereits kennt, also geruchlich identifizieren kann. Ich frage mich, ob das generell so sein wird, wenn er ganz blind ist. Und ich bin festen Willens, ihm bis dahin alles Fressbare mit Geruch, Geschmack und Namen vorzustellen, das ich ihm in Zukunft geben werde. Denn falls sein „Speisen“ nicht nur eine Marotte ist, sondern mit der Erblindung zusammenhängt, wünsche ich mir für ihn, dass er so viele fressbare Dinge wie möglich kennt, damit sein Speiseplan weiterhin durch abwechslungsreiche Snacks ergänzt werden kann.

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2 Gedanken zu “Charlie frisst nicht, er speist

  1. Pingback: Von Mäntelchen, Fotos und Käsewürfeln | dreipunktecharlie

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