Vom Umgang mit Ressourcen

Es gibt vielerlei Ressourcen, die ein Hund für sich beanspruchen kann: Spielzeug, Futter, Zuneigung, Liegeplätze und so weiter. Es gibt fast noch mehr Ansätze, wie man mit diesen Ressourcen umgehen soll und Trainingstipps dazu. Ich habe dieses Thema immer aus dem Bauch heraus gehandhabt.

Lis war anfangs recht besitzergreifend und hat alles verteidigt, was ihr zu gehören schien: Futter, Spielzeug, meine Person. Ich habe dann das Tauschen mit ihr geübt. Hatte sie Futter, das sie verteidigt hat, habe ich ihr im Tausch etwas besseres angeboten, wie ein Stück Fleisch. Wollte sie Spielzeug nicht heraus rücken, habe ich ihr im Tausch Leckerchen angeboten. Ich hatte einfach keinen Bock auf Machtkämpfe mit ihr und habe im Tauschen eine gute Lösung gefunden. Wenn sie mich verteidigt hat, habe ich es ihr mit einem klaren „Nein“ verboten und der Mensch, der mich begrüßen wollte, hat sie danach mit Leckerchen belohnt, also auch irgendwie ein Tausch. Jedenfalls habe ich mir in der Zeit mit Lis angewöhnt, keine Spielsachen von ihr herum liegen zu lassen, damit sie keine Möglichkeit hat, eine Ressource zu finden und zu verteidigen. Zwar ist das heute kein Thema mehr und sie apportiert brav alles in die Hand, was sie tragen kann, aber Gewohnheit ist Gewohnheit.

Gestern saß ich nun mit den Hunden im Wohnzimmer und schaute Charlie zu, wie er auf seinem Kau-Seil herum kaute. Und da wurde mir bewusst, dass Gewohnheiten sich auch ändern können! Denn in unserem Zuhause liegen mittlerweile überall Hunde-Spielzeuge herum. Nicht chaotisch, sondern nach Charlies Prinzip sortiert: Das weiße Kuscheltier liegt im Flur auf dem Teppich. Sein Ball auf dem Kissen im Wohnzimmer. Das Kau-Seil im Wintergarten. Das grüne Tier auf einem anderen Teppich. Der Gummiball im Arbeitszimmer. Und wenn ich mal auf die Idee komme, die Dinge einzusammeln und auf eine Stelle zu legen (beim Aufräumen oder Saubermachen, wenn Besuch kommt, der nicht stolpern soll), räumt Charlie fein säuberlich alles wieder dort hin, wo es in seinem System seinen Platz hat. Ich vermute, dass er die Dinge so sortiert, weil er sie sonst nicht auf Anhieb wiederfindet, denn die Plätze sind immer exakt gleich und weichen nur wenige Zentimeter ab. Das grüne Tier liegt also zentimetergenau immer auf der gleichen Stelle des Teppichs. Dann geht er dorthin, spielt ein wenig damit und legt es wieder dort ab.

Doch wie kommt es, dass ich so „nachlässig“ wurde? Punkt 1: Lis interessiert sich überhaupt nicht für Charlies Spielzeug. Sie nimmt es ihm nicht ab, kümmert sich noch nicht einmal darum. Punkt 2: Charlie hat einen völlig anderen Umgang mit Ressourcen.

Charlie teilt alles. Er hat keinen Anspruch, den er verteidigen würde. Er frisst und Lis kommt ihm dabei nahe? Kein Thema, er verlässt sofort den Napf und macht Platz. Und wir beobachten hier kein offensichtliches Bedrohen durch Lis, sondern nur eine körperliche Annäherung, die auch zufällig geschehen kann. Selbstverständlich verhindern wir es, dass er Lis sein Futter überlässt, aber er würde es trotzdem tun. Gleiches gilt für Spielzeug. Wenn wir Hundebesuch haben, der an Charlies Spielzeug geht, holt er sich eben ein anderes. Das Kind einer Freundin nimmt ihm das Spielzeug ab? Kein Problem, er wedelt freudig und hofft darauf, dass sie es wirft. (Keine Sorge, ich sitze in solchen Situationen immer bei Hund und Kind auf dem Boden und habe die Kontrolle!) Wichtig ist für ihn nur, dass er am Ende das Spielzeug wieder an seinen Platz räumen kann.

Charlies Sorglosigkeit in Bezug auf Ressourcen treibt mich manchmal auch in den Wahnsinn. Wenn im Büro jemand laut hustet, während er frisst oder in unser Büro kommt, lässt er sofort vom Futter ab. Dann wünsche ich mir, er wäre etwas mehr wie Lis und würde einfach weiter futtern. Es liegt meines Erachtens nach auch nicht am Selbstbewusstsein, dass er seine Ressourcen nicht stärker beansprucht, denn es gibt Dinge, da lässt er sich nicht „die Butter vom Brot nehmen“: Wenn wir kuscheln zum Beispiel und Lis kommt dazu, dann stellt Charlie sich durchaus quer und verweigert ihr den Zugang zu mir. Auch hier knurrt er nicht oder fletscht die Zähne, sondern macht das sehr entspannt. Es ist ihm wichtig, aber nicht wichtig genug für eine Aggression. In ihm wohnt wahrscheinlich ein kleiner Konfliktvermeider.

Der Konfliktvermeider in ihm kommt auch durch, wenn Lis seinen Platz für sich beanspruchen will oder versucht, ihn von ihrem Platz zu vertreiben. Sie droht ihm dann nicht, sondern setzt sich einfach frech ganz dicht neben ihn. Dann sitzen die beiden auf einem Kissen „Arsch an Arsch“ und wenn Charlie einen guten Tag hat, bleibt er einfach liegen und die beiden praktizieren eben Kontaktliegen. (Vielleicht interpretiere ich auch Lis Verhalten falsch und sie möchte eigentlich mit ihm kuscheln..)

Es gibt aber auch Tage, da überlässt Charlie ihr den Platz dann. So geschehen am Wochenende. Charlie liegt auf dem Sessel, den Lis eigentlich immer nutzt. Lis schleicht erst eine Runde um den Sessel herum, schaut ob er sich nicht zum Aufstehen bewegen lässt. Dann nimmt sie Anlauf und springt einfach neben ihn. Charlie versucht kurz, sich mit ihr zu arrangieren, stellt fest, dass der Sessel zu klein ist, um zu zweit gemütlich zu liegen und überlässt ihr ohne zu murren den Platz. Er hat sich dann einfach auf sein Kissen verzogen. Die Ressource Sessel ist ihm weniger wichtig als gemütliches Liegen. Ich hatte zum Glück mein Handy zur Hand und habe das ganze fotografiert, nicht in der besten Qualität, aber immerhin „live“ dabei.

 

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