Blindfisch und taube Nuss

Ich lache grundsätzlich gerne. Und so lache ich häufig über die Situationen, die mir mit einem fast blinden und einem fast tauben Hund passieren.

Charlies Sehkraft war schon bei der Diagnose PRA nicht mehr die beste, nachtblind war er bekanntlich seit mindestens Dezember 2015. Doch nun stelle ich fest, dass es auch bei Tageslicht immer schlechter wird. Wenn er sich bei Spaziergängen weiter entfernt und mal „im Gebüsch verschwindet“, gehe ich meist weiter. Bisher hat er mich dann auch immer ohne großes Aufheben wieder gefunden. Doch seit einiger Zeit stelle ich fest, dass er aus dem Gebüsch kommend an die Stelle zurück rennt, an der er mich verlassen hat, dort stehen bleibt, den Kopf hebt, die Ohren spitzt und sich „umschaut“. (Von Umschauen darf ich ja eigentlich in diesem Zusammenhang nicht reden, aber mir fehlt ein besseres Wort.) Dann wird er hektisch, hält die Nase in den Wind und dreht den Kopf dabei ganz putzig. Ich finde ihn dann immer so niedlich und erfreue mich an diesem Anblick, dass ich fast vergesse, ihn mit Schnalzen auf mich aufmerksam zu machen.

Sobald ich dann Schnalze oder einen Pfiff von mir gebe, rast er in meine Richtung los und freut sich wie ein Schneekönig, wieder bei mir zu sein. Er sucht dann mit der Nase meine Hand, stellt einen kurzen Körperkontakt her und wedelt mit dem ganzen Körper!
Ich gestehe, dass mich seine Freude freut und dass ich manchmal einen klitzekleinen Moment länger als nötig mit dem Schnalzen warte, nur um sein niedliches Gesicht und seine darauffolgende Erleichterung zu sehen.

Lis sieht mich noch hervorragend. Nur leider hört sie mich nicht mehr bzw. einige Frequenzen sind alters-technisch nicht mehr wahrnehmbar. Früher musste ich nur den Napf in die Hand nehmen und sie kam angeflogen. Heute stehe ich morgens in der Küche, während Madame noch im Schlafzimmer schläft, befülle die Näpfe und rufe sie vergebens zum Frühstück. Charlie hat verstanden, dass sie offensichtlich ein akustisches Problem hat und dafür eine tolle Lösung gefunden: Ich befülle die Näpfe, er steht in freudiger Erwartung hinter mir. Will Frühstück. Doch das gibt es erst, wenn Lis auch da ist. Die kommt aber nicht. In dem Moment, in dem ich mich dann bewege, um sie abzuholen, überholt er mich, rennt die Treppe hinauf ins Schlafzimmer, stupst Lis an und fordert sie auf, sofort mitzukommen. Das ist seine neue erste Mission des Tages und die meistert er mit Bravour. Der Blinde spielt den Assistenten für den Tauben…

Vor zwei Tagen hatten wir eine Situation, die hektisch, lustig und irgendwie tragisch zugleich war: Ich stand unter der Dusche und es klingelte. Da ich keinen Besuch erwartete und nicht der Typ bin, der nackt zur Haustüre rennt, habe ich das erste Klingeln einfach ignoriert. Er gab Zeiten, da hat Lis schon angeschlagen, wenn sich jemand dem Haus genähert hat, aber diese Zeiten sind vorbei. Heute hört sie nicht einmal mehr, wenn es klingelt oder Menschen das Haus betreten. Charlie und ich hören also das Klingeln, Lis nicht. Ich ignoriere es. Charlie ist irritiert. „Hey, da passiert etwas! Wir müssen etwas tun. Nachschauen oder so?“ Auch das ignoriere ich.

Es klingelt erneut. Ich ignoriere, Charlie steht vor der Badezimmertüre und kann nicht ignorieren. Also rennt er zur Haustüre. Ich dusche weiter.

Der Idiot an der Türe gibt nicht auf. Klingelt Sturm. Jetzt werde ich sauer. Und ignoriere aus Trotz weiter.

Charlie entscheidet sich, dass er offensichtlich alleine an der abgeschlossenen Haustüre nichts ausrichten kann und flitzt wieder vor das Badezimmer in Sichtweite. Aufgeregt, nervös. Er hört ja, dass etwas ist. Lis liegt auf dem Kissen und schläft den Schlaf der Gerechten. Irgendwie kann ich Charlies Situation nachvollziehen, Lis bekommt nichts mit und ich tue so, als wäre alles in Ordnung, während er versucht, eine Lösung herbei zu führen.

Also gut, ich gebe nach. Verlasse die Dusche, trockne mich unter rhythmischem Klingeln ab. Verlasse das Badezimmer, um mir etwas anzuziehen. Charlie folgt mir. Ich schaue ihn an, sage ihm, er soll ruhig bleiben und dass ich das jetzt kläre. Er schaut mich fragend an, beruhigt sich kurz, es ist ihm lieber, wenn ich die Kontrolle übernehme. Kaum hat er sich endlich gesetzt, klingelt es wieder. Jetzt reicht es Charlies sanftem Gemüt, das ist zu viel für ihn. Er schaut mir in die Augen, der Stress überflutet ihn und er kotzt mir vor die Füße. (Ein Verhalten, das er bei Stress schon einmal gezeigt hat, insofern bei mir kein Grund zur Panik. Er tut mir dann nur leid.)

Ich tröste ihn kurz, ziehe mich an, gehe zur Türe. Natürlich niemand mehr da. War wahrscheinlich ein Paketbote, der keine Lust hatte, zum Haus meiner Nachbarn viele Stufen zu steigen und seine Fracht bei mir loswerden wollte.

Nun endlich bekommt Lis durch die Bewegung im Haus mit, dass etwas los zu sein scheint, steht auf, kommt zu Charlie und mir. Sieht das Erbrochene und den gestressten Charlie. Geht auf ihn zu, leckt ihm die Schnauze, dreht sich um und geht wieder zum Kissen. Charlie folgt ihr. Sie legt sich, er legt sich daneben und entspannt. Gut, dann kann ich wischen, der weise gehörlose Hund hat den nervösen Hansel im Griff.

Es ist wirklich klasse, wie die beiden sich ergänzen und sich gegenseitig assistieren! Und nebenbei entspricht es meinem Humor, dass ich aus der Dusche komme und mir mein gestresster Hund mal eben vor die frisch gewaschenen Füße kotzt, weil er mit meiner Ignoranz nicht zurecht kommt. Ein Verhalten, das Menschen in meinem Umfeld wahrscheinlich gerne mal an den Tag legen würden, aber nicht den Mut dazu haben. Und er tut es einfach.

Ja, ich finde solche Situationen wirklich lustig und ich amüsiere mich darüber, wie die beiden miteinander agieren und ihre Defizite ausgleichen. Und ich mittendrin, manchmal ignorant, manchmal belustigt, aber immer mit Herz dabei. Ich liebe die taube Nuss und den Blindfisch und möchte mit niemandem auf der Welt tauschen.

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5 Gedanken zu “Blindfisch und taube Nuss

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