So lange die Rituale bestehen bleiben…

Die vergangenen Wochen waren bei uns recht turbulent und ich glaube, der Sommer wird ähnlich werden. Es gab ein paar Veränderungen beruflicher und privater Natur, was mich dazu angestiftet hat, einiges anders anzugehen. Das eigene Leben nochmal dem Prüfstand zu unterziehen und zu schauen, was ich anders machen könnte. 

Charlie und Lis haben diese Veränderungen natürlich miterlebt und sicherlich auch als solche wahrgenommen. Es fängt im Kleinen an: Der erste Spaziergang morgens ist nicht mehr an der Wiese bei uns um die Ecke, sondern im Wald. Einfach so, weil es im Wald ruhiger ist und dort morgens keine „Hausfrauentruppe“ tratschend mit einer Gruppe freilaufender, unbeaufsichtigter Hunde herum steht. Ich habe einfach morgens keine Lust auf Gerede und es nervt mich kolossal, diese Gruppe jedesmal umschiffen zu müssen. Lis hat keinen Bock auf mindestens zwei dieser Hunde, was aber offensichtlich mein Problem ist und die Gruppe nicht dazu veranlasst, ihre Hunde heran zu rufen. Also machen wir das morgens nicht mehr. Ich tue mir das einfach nicht mehr an.

Wie oft machen wir Dinge, die wir eigentlich lieber nicht tun würden? Und wie selten sind wir manchmal spontan und machen einfach das, worauf wir Lust haben? Ich habe mich zu mehr Spontanität entschieden. Ich fahre mal ein Wochenende weg. Mit den Hunden. Und vielleicht auch mal ohne sie. Dann passt „Onkel Mick“ auf, den sie kennen und lieben. Ich mache mehr Ausflüge, nehme die Hunde noch öfter mit, als ich es bereits schon getan habe. Und ich stelle fest: Es tut uns allen gut! Die gemeinsamen Erlebnisse schweißen zusammen!

Lis kennt die Stadt, ich habe sie vor Charlies Einzug immer dann mitgenommen, wenn es möglich war. Sie ist mit mir kurze Wege durch Fußgängerzonen gelaufen, kennt Parkhäuser von innen und ist sogar schon mit mir Straßenbahn gefahren. Gut, das sind Dinge, die man nicht täglich mit Hunden erlebt, aber mit Lis habe ich es gemacht. Bei Charlie habe ich solche Dinge bisher nicht in Betracht gezogen, da er anfangs sehr unsicher und Stress-anfällig war. Er war mit in Cafés und auch mit in Restaurants, aber den „Trubel“ einer großen Stadt habe ich ihm anfangs erspart. Mittlerweile ruht er mehr in sich, geht gelassener mit Einflüssen von außen um. Folglich habe ich mich in den vergangenen Wochen daran heran getastet, ihm und uns mehr zuzutrauen. Habe ihn mitgenommen, als ich in einem Restaurant in der Kölner Innenstadt war. Dort haben wir im Parkhaus geparkt, die dortige Akustik hat ihn kurz irritiert, aber mehr auch nicht. Kannte er bisher nur den kleinen Aufzug zur Wohnung einer Freundin, so kennt er nun auch große Aufzüge mit fremden Menschen. Und er hat es gut gemacht! Er zeigt sich in solchen Situationen sehr leicht-führig, orientiert sich an Lis und mir. Ist aufmerksam und aufgeweckt, aber nicht nervös. Für mich ein Zeichen, dass mein Vertrauen gerechtfertigt ist und ich ihm nicht zu viel zumute.

Vielleicht taucht nun bei dem ein oder anderen Leser die Frage auf „Warum muss man das mit zwei Hunden machen?“. Weil es manchmal nicht anders geht, so lautet die ehrliche Antwort. Es ist nicht immer möglich, mein Leben ausschließlich nach den Hunden auszurichten. Es gibt Situationen, in denen ich keinen Hundesitter finde und es absehbar ist, dass meine Abwesenheit länger dauert, als ich sie alleine zu Hause lassen würde. Und dann gibt es Termine, die man einfach nicht absagen kann. Lasse ich die Hunde dann im Auto warten? Auf keinen Fall. Also nehme ich sie mit. Sie können das. Solange sie ihre Decke haben, Wasser und mich in der Nähe, fühlen sie sich in fast jeder Umgebung wohl. Und natürlich wird die Zeit vor und nach solchen Terminen so gestaltet, dass sie einen Ausgleich haben. Wir gehen vorher ausgiebig spazieren, damit sie ausgelastet sind. Und auch nachher gibt es ein gemeinsames Erlebnis, dass Hunde-konform ist. Spielen, Toben, ausgiebiges Kuscheln.

Auf was wir niemals verzichten könnten, sind die festen Rituale. Angefangen bei unseren „Fütterungszeiten“. Charlie ist hier extremer als Lis, als ich neulich wochentags verschlafen habe, hat er mich eine halbe Stunde nach der Zeit zum Hunde-Frühstück geweckt, diese Zeit ist bei ihm so sehr „programmiert“, dass er mich dafür aus dem Koma erwecken würde. Ebenso die Zeit zum Abendessen. Überschreite ich diese deutlich, wird er nervös, tigert in die Küche, kommt zurück, stupst mich an und zeigt deutlich, was als nächstes folgen muss.

Die Spaziergänge sind bei uns ebenso unverrückbar. Wir haben feste Zeiten, die für wenig anderes verschoben werden. Das ist mir auch wichtig, ich brauche die Auszeiten mit den Hunden draußen.

Während ich so über die Veränderungen nachdenke, werden mir immer mehr kleine Rituale bewusst, die sich eingeschliffen haben und die sich trotz Allem wahrscheinlich niemals ändern werden, weil sie unserem Leben Ruhe, Beständigkeit und Sicherheit geben. Hier werden wir nie eine Veränderung zulassen, weil diese Rituale das sind, was unseren gemeinsamen Alltag ausmacht:

  • Jeden morgen weckt Charlie mich, indem er mit seiner Nase ganz nah an meine herankommt und mich „anpustet“.
  • Während mein erster Kaffee läuft, bereite ich das Hunde-Frühstück vor.
  • Wenn ich im Badezimmer bin, bewacht Charlie die Türe und Lis geht noch eine Runde pennen.
  • Auf der Treppe zum Büro bleiben beide Hunde auf dem Absatz in der Mitte stehen, warten auf mich und werden dafür belohnt.
  • Charlie hat eine feste Ordnung für seine Spielzeuge im Haus, diese wird nicht verändert. Ist die Ordnung verändert worden, stellt er sie akribisch wieder her.
  • Besuchen wir meine Mutter, dreht er eine Begrüßungsrunde durch das Wohnzimmer und rennt danach direkt zur Schublade mit den Leckerchen. (Er hat meine Mum wunderbar konditioniert!)
  • Kommt „Onkel Mick“ zu uns, wird dieser wild begrüßt und danach rennen alle gemeinsam in die Küche. Denn „Onkel Mick“ weiß, wo die Dose mit den Leckerchen steht und lässt immer eines springen. (Er hat „Onkel Mick“ wunderbar konditioniert.)
  • Wenn ich spät abends noch eine Zigarette rauchen gehe, darf Charlie in den Garten unter den Haselnuss-Strauch in seine Pipi-Ecke.
  • Jeder Joghurt-Becher wird vor der Entsorgung den Hunden zur Verfügung gestellt.
  • Eisbecher ebenso.
  • Nach dem wöchentlichen Kämmen und der Fellpflege gibt es ein besonderes Leckerchen für besondere Geduld.
  • Lis wird links von mir angeleint, Charlie rechts. Erst danach wechselt er auch auf die linke Seite zum Weiterlaufen.
  • Vor dem Ableinen müssen beide Hunde sitzen und dürfen erst nach einer Freigabe laufen.
  • Bei Fahrradfahrern setzen sich die Hunde am Wegesrand ab. (Mittlerweile auch ohne Kommando)
  • Vor dem Schlafengehen gibt es ein „Betthupferl“.

Wahrscheinlich haben wir noch mehr Rituale, die mir nicht bewusst sind. Wichtig ist nur, dass wir Rituale haben, die wir leben, egal ob wir zu Hause sind oder in einer Ferienwohnung. Dann ist unsere Welt in Ordnung. Woher ich das weiß?

Charlie hat ein besonderes, ihm ganz eigenes Ritual: Wenn ich eines der Rituale vergesse, die wir haben, erinnert er mich daran. Deutlich. Und besteht auf der Einhaltung. Er findet auch immer einen Weg, mich darauf aufmerksam zu machen, was ich vergessen habe. Immer. Er hat mich wunderbar konditioniert.

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6 Gedanken zu “So lange die Rituale bestehen bleiben…

  1. Ich finde nicht, dass es schlimm ist, Hunde am Alltagsleben teilnehmen zu lassen.
    Frag mal, wie viele Stadt-Hunde es gibt, die immer Lärm, Menschenmassen und Stress ausgesetzt sind und noch nie eine Wiese oder ein Wäldchen gesehen haben. Das ist viel schlimmer, als einen Hund einfach mal mitzunehmen. Davon abgesehen ist es für die bestimmt auch abwechslungsreich und aufregend 😉

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      • Sind sie absolut!
        Ich wohne in einer Großstadt und sehe hier eine Menge Hundehalter, die ihre (großen) Hunde in viel zu kleinen Wohnungen halten, sie notwendigerweise dreimal am Tag für 5min an der Leine um den Block zerren, damit sie sich erleichtern können und bei jedem Schnuppern des Hundes diesen sofort wegzerren. Ist das artgerecht? Absolut nicht.
        Wenn ich dann lese, was du deinen Hunden alles bietest und wie du auf sie eingehst, finde ich das ganz klasse. Ich glaube, nur wenige Hundebesitzer gehen so auf ihre Tiere ein. 🙂

        Gefällt 1 Person

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