Engelchen und Teufelchen

Wäre mein Leben ein Comic, würden Lis und Charlie als Engelchen und Teufelchen um meinen Kopf herum schwirren. Die weise Stimme der Vernunft, die sagt “Lass uns auf bekannten Pfaden bleiben.“ und der kleine Teufel der irre kichert “Lass uns Spaß haben!“.

Lis ist entgegen der Erwartung einiger Leser in diesem Fall der Engel und Charlie das Teufelchen.
Heute waren wir wie üblich eine große Runde im Wald spazieren. Sonntags. Bei Sonnenschein.
Ich gehe in den Wald, um Ruhe und Erholung zu finden. An Tagen wie heute findet man jedoch:
– Männer, die auf High-Tech-Mountainbikes in enge Trikots gepresst durch den Wald rasen.
– Stockenten-Gruppen, die wegesbreit durch den Wald pflügen und keinen Millimeter weichen.
– Menschen im Wald, die diesen bei Regen noch nicht einmal buchstabieren können.
– Mich. Ich möchte das nicht. Ich möchte nur die Leute sehen, die ich auch bei Wind und Wetter treffe und ansonsten meine Ruhe.

Die Hauptwege waren aufgrund dieser Erscheinungen heute eine Qual. Viel Gewusel, Ausweichen, Unruhe in meiner Ruheoase. Da tat sich rechts ein kleiner Weg auf, an dem ich schon hundertmal vorbei gelaufen bin. Ausprobiert habe ich ihn noch nie. Er wirkte so ruhig, verlassen, verlockend. Ich entschied, ihn zu gehen. Charlie war sofort dabei! Neue Wege, neue Gerüche, vielleicht ein neues Wasserloch? Volle Kraft voraus!
Doch die Stimme der Vernunft, die grande dame unseres Teams, weigerte sich. Blieb einfach auf dem altbekannten Weg stehen, sah uns nach und kommunizierte deutlich: “Ihr spinnt doch. Wir müssen hier entlang, den Weg da kennen wir nicht.“
Ich winkte ihr zu, forderte sie auf zu folgen.
Charlie blieb stehen, lief dann zu ihr zurück, stupste sie an. Wedelte wie ein Weltmeister. “Bitte komme mit! Das wird lustig! Neuer Weg, neue Abenteuer.“
Keine Chance. Lis verharrte.
Da ich ein Sturkopf bin und mir ein neuer Weg attraktiver erschien als weitere Presswürste auf dem Fahrrad, leinte ich Lis an.
Sie folgte widerwillig. Zweifelnd und leidend.

Der neue Weg war wunderschön! Bergab, in ein verwunschenes Tal mit einem kleinen Weiher, ein Traum für Charlie! Himmlische Ruhe, keine Menschenseele unterwegs außer mir. Ein Traum.
So folgten wir dem Weg für eine gute dreiviertel Stunde. Charlie und ich neugierig, staunend, leichtfüßig. Lis grummelnd.

Als ich den Weg einschlug, war ich der Hoffnung, er würde uns im Bogen zurück zum Hauptweg führen. Dass er das nicht tat, hätte ich anhand seines Verlaufs bemerken können. Tat ich aber nicht. Ich staunte, genoß Sonne und Ruhe, spielte mit Charlie und lief. In eine komplett bescheuerte Richtung.

Verwunderung ist das richtige Wort für meinen Zustand, als ich feststellte, dass wir näher an meiner Arbeitsstätte waren, als an unserem Zuhause. Zur Arbeit fahren wir mit dem Auto. Weil die Strecke für Lis zu weit zum Laufen ist (das Alter!) und ich unter Umständen zu faul für diese Strecke bin. (Wir fahren eine Viertelstunde. Laufend dauert es eine Stunde. Einfache Strecke.)

Was nun? Den Weg weiterlaufen um auf die Wege nach Hause zu kommen, die ich kenne? Mit Charlie kein Problem. Das Wetter war auch super, also für mich auch kein Problem. Für Lis schon.
Sie läuft zwar immer noch gut, aber mehr als 1,5 Stunden schafft sie nicht mehr. Dann schmerzen die Gelenke und sie beginnt zu Humpeln. Lis einen Teil des Weges tragen? 9 Kilo warmes Fell bei 25 Grad am Körper? Nein, nur im absoluten Notfall.
Also, Fehler eingestehen und zurück laufen. Ein überschaubares Risiko und der schnellste bekannte Weg zum Auto.

Charlie versteht, dass wir umdrehen und kann es kaum fassen: “Hier ist es aufregend und spannend, spinnst Du? Wir laufen weiter!“. Folgt aber. Scheint sich damit zu trösten, dass wir nochmals am Weiher vorbei kommen und er schwimmen darf.

Ganz anders die Stimme der Vernunft. In dem Moment, in dem ich mich umdrehe, bekomme ich von ihr diesen Ich-wusste-es-doch-von-Anfang-an-Blick zugeworfen. Sie schlägt sofort den Rückweg ein, läuft vor und verfällt in einen lockeren Trab. Sie führt uns nun zurück auf altbekannten Wege. Hätten wir nur gleich auf sie gehört, hätten wir uns das hier ersparen können. Sobald Charlie und ich stehen bleiben, um am Tümpel zu verweilen oder einfach nur so, dreht sie sich um, guckt böse und läuft ein klein wenig schneller. Erst am Hauptweg angekommen lässt sie uns aufschließen und geht wieder mit uns gemeinsam zum Auto zurück.

Heute hat sie gewonnen und Recht behalten. Aber eines Tages, da lassen wir sie zu Hause. Und dann laufen wir diesen Weg so lange weiter, bis wir uns wieder auskennen und nach Hause finden. Das habe ich dem Teufelchen versprochen.

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4 Gedanken zu “Engelchen und Teufelchen

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