„Charlie ist doch Dein Liebling.“

Das warf man mir neulich vor, als ich Lis für ein Verhalten rügte, das ich Charlie durchgehen lasse.

Klar, ich behandele die Hunde unterschiedlich. Sie haben schließlich unterschiedliche Charaktere. Das bedeutet aber nicht, dass ich einen lieber mag als den anderen. Sondern nur, dass ich sie nicht gleich behandele.

Lis ist ein Hund, der zu Abwehr-Aggression und territorialem Verhalten neigt. Sie ist eine starke Persönlichkeit, die nicht viel von aufdringlichen Hunden, fremden Menschen und „nicht genehmigtem Besuch“ hält. Das ist zum Einen in ihrer Geschichte (sie kommt aus einer Tötungsstation in Rumänien), zum anderen in ihrem Terrier-Anteil begründet. Der Terrier in ihr stärkt ihr selbstbewusstes Verhalten, ein Rottweiler ist für sie kein Gegner. Ihre Wachsamkeit ist fast legendär, zwei Zeugen Jehovas vertreibt sie spielend vom Hof. Sie hat bis heute noch keinen Schaden angerichtet, das liegt aber auch darin begründet, dass ich sie ständig kontrolliere. Unter meiner Führung ist sie zurückhaltend, abwartend und deutlich ruhiger. Ich muss dann alle Begegnungen, egal ob Mensch oder Tier, kontrollieren und für ihren persönlichen Individualabstand sorgen. Eine Ausnahme gibt es übrigens: Kinder. Kinder stellen in Lis‘ Welt keinerlei Bedrohung dar. (Ein sehr beruhigendes Gefühl.) Kinder dürfen bei Ihr alles. Daneben gibt es aber nichts und niemanden, der sofort akzeptiert wird. Manchmal bezeichne ich Lis liebevoll als „Kampfhandtasche“, da sie eben von kleiner Statur ist.

Charlie ist da ganz anders. Er ist Allem und Jedem gegenüber freundlich. Knurrt ihn ein fremder Hund an, wedelt er freundlich, lächelt und gibt Fersengeld. Wird er angegriffen, versteckt er sich hinter Lis und mir. Er kommt mit jedem Hund, jeder Katze und jedem Menschen zurecht. Sogar Menschen, die wie einer meiner Kollegen einfach keine Hunde mögen, mögen Charlie. Er ist charmant, lausbübisch und steckt jeden mit seiner dauerhaften guten Laune an. Er kennt keinen Futterneid, ist nicht gierig, verteidigt weder Territorium noch Spielzeug und strahlt den ganzen Tag über eine unfassbare Lebensfreude aus. Charlie ist die Mary Poppins unter den Hunden.

Nach dieser kurzen Beschreibung kann man sich sicherlich vorstellen, dass meine Herangehensweise an die Hunde unterschiedlich ist. Bedenkt man jetzt noch die klitzekleine Tatsache, dass Lis taub ist und Charlie erblindet, scheint es doch fast einleuchtend, dass ich sie einfach nicht gleich behandeln kann. Es fängt schon bei der Ansprache an: Charlie braucht Laut-Kommandos, Lis Sichtzeichen. Charlie ist total sanftmütig und leicht-führig, werde ich bei ihm versehentlich zu laut, muss ich mich gleich entschuldigen, weil er sonst irritiert ist. Wenn Lis hingegen einmal im „Territorial-Modus“ ist, darf ich nicht zimperlich sein. Sobald sie in den Angriff geht, muss ich sie ausbremsen. Dann stelle ich ihr auch schon mal mein Bein in den Weg. Das bedeutet nicht, dass ich sie körperlicher Gewalt aussetze, sondern dass ich sie blockiere. Mit Körpereinsatz. Das beeindruckt sie noch nicht einmal sonderlich, es reicht allenfalls für eine Notbremse.

Bekommen wir Besuch, der die Hunde noch nicht kennt, wird Lis eben angeleint und Charlie darf frei laufen. Ebenso, wenn wir andere Hunde treffen. In der Anfangsphase kommt die Kampfhandtasche an die Leine, Mary Poppins darf hingegen gute Laune verbreiten, wenn es der andere Hundehalter erlaubt.

Natürlich mag es dadurch für Außenstehende so wirken, als würde ich Lis schlechter behandeln als Charlie oder ihr weniger erlauben. Dabei spreche ich sie nur ihren Charakteren entsprechend an. Und klar, Charlie hat mehr Freiheiten, weil er „harmloser“ ist. Und ja, Charlie ist mein Liebling. Er ist mein Lieblingsrüde. Und Lis ist ebenso mein Liebling. Meine Lieblingshündin.

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4 Gedanken zu “„Charlie ist doch Dein Liebling.“

  1. Da gab’s doch mal ein tolles Bild zu (dass ich natürlich nicht mehr finde):
    Drei Jungs (ein großer, ein mittlerer, ein kleiner) standen vor einem Zaun – keiner konnte darüber blicken.
    Dann gab man den drei Jungs je einen gleich großen Karton: Der große konnte mit dem Karton gut über den Zaun blicken, der mittlere gerade so, der kleine nicht.
    Weiteres Bild: Die drei Jungs stehen auf je einem hohen, einem mittleren und einem kleinen Karton – sodass alle Jungs auf einer Höhe sind.
    Bildunterschrift: „Der Unterschied zwischen Gleichbehandlung und Gerechtigkeit“ 🙂

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