Was wäre wenn?

Zur Zeit passiert bei uns nicht viel Aufregendes, wir leben so vor uns hin. Wir sind gesund (die PRA ausgenommen), der Alltag läuft rund und wir können uns über nichts beklagen. Ein sehr schöner Zustand!

Wenn dann alles in ruhigen Bahnen läuft, nehme ich mir gerne Zeit für Gedanken, schmiede Pläne. Wie ich bereits im Artikel Glück berichtet habe, neige ich dazu, alles planen und kontrollieren zu wollen. Und so versuche ich auch, verschiedene „Was wäre wenn?“-Szenarien zu planen.

Was wäre wenn ich morgen ins Krankenhaus muss?

Oder kurzfristig auf eine Dienstreise, zu der die Beiden mich nicht begleiten können? Eigentlich eine einfache Frage. Meine Eltern, Onkel Mick und zwei gute Freundinnen würden einspringen, wenn es notwendig ist. Ein gutes Gefühl, das mich jeden Abend beruhigt einschlafen lässt.

Was wäre wenn Lis stirbt?

Nicht, dass ich ihr einen zeitnahen Tod wünschen würde, aber der Gedanke ist im Hinblick auf ihr Alter nicht ganz abwegig. Natürlich würde ich mir für diesen Fall wünschen, dass sie abends einschläft und nicht mehr aufwacht, aber das habe ich bisher nur bei einem Hund erleben dürfen. Gehen wir also vom „worst case“ aus. Unser Tierarzt ist zum Glück ein Engel und würde nach Hause kommen. Das wäre für Lis deutlich angenehmer, denn sie hasst seine Praxis (eigentlich jede TA-Praxis). Ich denke, Charlie dürfte nicht unmittelbar dabei sein, das würde ihn sicherlich verstören. Aber ich würde ihm die Gelegenheit bieten, sich von ihr zu verabschieden. Zur Kenntnis zu nehmen, dass sie tot ist. Das erscheint mir irgendwie besser als „Lis ist sterbenskrank, Sandra fährt mit ihr weg und Lis kommt nicht mehr zurück“. Ob es dann irgendwann einen anderen Hund gibt, wird die Zeit zeigen. Vielleicht fühlt Charlie sich als Einzelhund wohl, ich werde die Entscheidung von ihm abhängig machen.

Was wäre wenn ich morgen tot umfalle?

Auch einfach zu beantworten. So lange meine Eltern fit sind, werden sie die Hunde immer nehmen. (Dafür danke ich Euch!) Und Onkel Mick würde natürlich weiterhin immer auf die beiden aufpassen, wenn meine Eltern mal keine Zeit haben. (Dafür danke ich Dir!) Wenn meine Eltern mal nicht mehr fit sein sollten, was sicherlich noch gefühlte 100 Jahre dauert, gibt es Lis nicht mehr und Charlie wird dann wahrscheinlich Einzelhund sein. Ich habe die Hoffnung, dass Onkel Mick dann eine Männer-WG mit Charlie gründet. Alternativ habe ich eine wundervolle Freundin, die schon immer ein Haustier haben wollte und deren Kinder Charlie und Lis lieben, ich nehme an, sie würde sich auch rührend kümmern.

Diese Gedankenspiele fallen mir übrigens sehr leicht, da ich auch auf traurige Fragen Antworten habe. Ich halte es für sehr wichtig, Notfallpläne zu haben und zu wissen, was passiert, wenn etwas passiert.

Was wäre wenn Charlies Erblindung anders verläuft als gedacht?

Charlie erblindet schleichend, die Nachtblindheit ist seit über einem halben Jahr bewiesen, die Sehkraft bei Tag ist so schlecht geworden, dass er auch schon mal vor eine Türe rennt. Das ist uns neulich bei meiner Mutter passiert. Es gibt dort eine Türe, die immer offen steht. Nur an diesem Tag war sie ein Stück zugezogen. Damit hat Charlie nicht gerechnet. Er flitzt vom Wohnzimmer in den Flur, muss diese Türe dabei nehmen und knallt mit Schwung davor! Ihr hättet sein irritiertes Gesicht danach sehen sollen! Ein göttlicher Anblick. Erfreulicherweise nimmt er so etwas recht locker, schüttelt sich, beschäftigt sich dann endlich mal mit dem Hindernis und findet einen Weg, es zu überwinden. Im besagten Fall hat er einfach die Türe mit der Schnauze geöffnet.

Ich hoffe jeden Tag, dass es bei seinem lockeren Umgang mit solchen Unfällen bleibt. Ich möchte mir nicht ausmalen, was passieren würde, wenn er unsicherer wird und sich nichts mehr traut. Das Besondere an ihm sind einfach seine Lebensfreude und seine Sorglosigkeit, dass macht es wirklich einfach, mit der PRA umzugehen. Er leidet nicht, hat trotzdem Spaß und kommt gut zurecht. So lange er gute Laune hat, ist es mir unmöglich, mir Sorgen über die PRA zu machen.

Und trotz aller Fürsorge versuche ich ihn weitestgehend selbstständig zu halten. Auch wenn wir diverse Kommandos trainiert haben, die ihm helfen sollen, Hindernisse zu erkennen und sich besser zu orientieren, so lasse ich ihn doch eigene Erfahrungen machen. Natürlich würde ich nie zulassen, dass er einen Abgrund hinab stürzt, aber ab und an mische ich mich nicht ein, wenn er droht vor ein Hindernis zu laufen. Denn er muss meiner Meinung nach lernen, sich auf seine anderen Sinne zu verlassen und sie zu nutzen. Greife ich immer warnend ein, lernt er das nicht.

Mein schlimmstes Szenario ist seine Erblindung betreffend, dass er unsicher wird und keinen Schritt mehr ohne mich macht. Wenn ich analysiere, wie er sich bei Dunkelheit verhält, ist die Wahrscheinlichkeit zwar nicht sehr hoch, aber vorhanden. Im Dunkeln bewegt er sich auf vertrauten Wegen wie ein Sehender, auf unbekanntem Terrain jedoch verlässt er sich auf mich. Entweder auf meine Leinenführung, meine Wortkommandos oder mein Schnalzen (passive bildgebende Echoortung, blinde Menschen schnalzen aktiv und können über dieses „Klicksonar“ ein Gefühl für ihre Umwelt bekommen). Bisher hat er sich fast immer zu Recht auf mich verlassen, ich habe ihn vor größeren Schäden bewahren können. Für mich ist das jedoch ehrlich gesagt auch anstrengend. Ich muss mich teilweise selber im Dunkeln orientieren, meist ist Lis dabei, die auch beaufsichtigt werden muss und dann müssen meine Augen Charlies Augen ersetzen. Manchmal bin ich nach solchen Spaziergängen eher angestrengt als entspannt. Wenn ich mir dann vorstelle, dass er auch bei Tageslicht so hilfsbedürftig sein könnte, graust es mich. Ja, ich möchte, dass er sich auf mich verlassen kann. ABER: Ich möchte auch, dass er zur Not ohne mich zurecht kommt.

Bin ich auf dem richtigen Weg? Wird er mit der Blindheit so gut umgehen können, wie ich es mir erhoffe? Wie ich es glaube, durch Training, Verhalten und Alltag mit ihm vorbereiten zu können? Das ist definitiv eine „Was wäre wenn?“-Frage, auf die ich gerne eine Antwort hätte. Vielleicht schlummert die Antwort in etwas, dass sich Vertrauen und Zuversicht nennt, aber manchmal schleichen sich eben auch Zweifel ein.

Wie ich mit den Zweifeln umgehe? Ich lasse sie zu, denke darüber nach, schreibe vielleicht ein paar Zeilen dazu. Dann schüttele ich mich, mache ein irritiertes Gesicht, als wäre ich vor eine Türe gelaufen, und danach mach ich weiter. Charlie ist ein hervorragendes Vorbild.

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4 Gedanken zu “Was wäre wenn?

  1. Ich mag „Was wäre wenn…“-Gedanken nicht so gern. Natürlich muss man ein gewisses Maß an Vorsorge und Absicherung betreiben. Aber zu viel „Was wäre wenn…“ führt einen in spekulative Gebilde. WENN es soweit ist, wird man Wege finden. Das ist immer so. Anders würden wir gar nicht überleben 😉
    Soll ja Leute geben, die aus Angst zu sterben und daher gar keinen Hund aufnehmen. Nun, so bleibt der Hund eben „gleich“ im Tierheim, statt allerschlimmstenfalls nach vielen glücklichen Jahren dort einmal zu landen – keine echte Alternative.

    Ich denke, Charlie wird als blinder Hund seinen Weg gehen. Bei Tieren sind die Sinne viel ausgeprägter als bei uns. Demzufolge wird er sie dann auch mehr einsetzen.
    Die Unsicherheit, vor der du Angst hast, könnte man auch als Vorsicht bezeichnen. Als blinder Hund wie ein Wirbelwind überall rumzurasen, ist nämlich nicht unbedingt sicher 😉

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