Die PRA wird schlimmer

Die vergangenen Tage haben uns das ein oder andere Erlebnis beschert, das mir deutlich zeigt, dass die Erblindung aufgrund der PRA schlimmer wird. Das Sonderbare daran ist, dass Charlie mich weiterhin aus Gewohnheit „anschaut“, wenn ich ihn anspreche, er dreht den Kopf zu mir, neigt ihn je nach Stimmlage und erweckt den Eindruck, dass er meinen Blick erwidert. Trügerisch.

Ich nehme an, er dreht den Kopf einfach in Richtung meiner Stimme und schaut dabei geradeaus, so kreuzen sich unsere Blicke, ohne dass er es bewusst merkt. Und ich schaue ihm in die Augen und habe das Gefühl, dass wir Blickkontakt halten. Wie wir es so oft getan haben. Auch auf vielen Fotos aus den letzten Tagen und Wochen sieht es so aus, als würde er in die Kamera schauen. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich immer ganz naiv „Schau!“ oder „Guck!“ zu ihm sage.

Dass aber nicht mehr viel mit Schauen ist, sollte mir nun langsam auch mal klar werden. Mittlerweile hat er schon Probleme, wenn wir vom Licht in den Schatten wechseln. Wenn wir im Wald unterwegs sind und die Bäume werden dichter, kann man bei genauem Beobachten wahrnehmen, wie er sofort vorsichtiger wird, die Orientierung mehr auf die Nase und Ohren umstellt. Seine Augen leuchten dann selbst tagsüber grün, er reagiert noch stärker auf meine Stimme und meine Schnalzgeräusche.

Gestern erst sind wir am frühen Abend unterwegs gewesen, er ist ins lichtdurchflutete Gebüsch gelaufen, ich ging weiter voraus in Richtung dichter Bäume. Er folgte mir dann, kam in den etwas dunkleren Bereich und war sofort nervös, weil er wahrscheinlich noch nicht mal meine Schemen wahrgenommen hat. Er blieb stehen, witterte, ging ein paar Schritte, drehte sich um die eigene Achse, witterte wieder und hatte offensichtlich keinen Plan, wo Lis und ich waren. Dabei waren wir maximal 15 Meter von ihm entfernt. Ich habe dann nur leise „Hier bin ich“ gesagt und sofort hat er die Ohren gespitzt, die Rute freudig erhoben und ist auf uns zugeflogen. Ich habe ihn dann überschwänglich gelobt und ihn gefeiert, dass er so aufmerksam auf meine wirklich leise Stimme reagiert hat.

Tief in meinem Innersten machen mich solche Momente aber auch traurig. Die Zeit verfliegt so schnell, ich hätte ihm so viel mehr „sehende“ Zeit gegönnt. Und mir auch. Klar, ich kann mich umstellen, aber es bleibt die Angst, dass wir doch nicht so gut zurecht kommen, wie ich immer hoffe und ich ihn vielleicht irgendwann nicht mehr freilaufen lassen kann oder sonstige Einschränkungen auftauchen, an die ich gerade nicht denke.

Und es ist ja nicht nur diese eine Begebenheit, vor wenigen Tagen hat ihn der Wechsel von Hell auf Dunkel so sehr überrascht, dass er gegen den Türrahmen gelaufen ist anstelle durch die Türe. Und das war meine Schuld. Wir sind die Treppe hoch ins Schlafzimmer gegangen. Ich habe wie gewohnt das Licht im Treppenhaus ausgeschaltet, allerdings bevor Charlie im Schlafzimmer angekommen war. Der abrupte Wechsel der Lichtverhältnisse bedingte dann wohl eine kurze Orientierungslosigkeit und er rannte quasi voll vor die Wand! Ich habe mich sehr erschrocken. 

Natürlich lerne ich aus solchen Fehlern, ich warte jetzt immer ab, bis er sein Ziel erreicht hat, bevor ich irgendeinen Lichtschalter betätige. Mir war bis dato einfach nicht klar, dass eine schnelle Änderung ihm so sehr zu schaffen macht und er einen Moment braucht, um sich wieder zur orientieren. Wahrscheinlich muss nicht nur er seine Sinne umstellen und schärfen, sondern auch ich.

Blinde Hunde brauchen eine souveräne Führung, die ich ihm nur bieten kann, wenn ich immer “voll dabei“ bin und vorausschauend handele. Bis jetzt vertraut er mir, das darf sich niemals ändern. Wie viele Unfälle dieser Art wird er hinnehmen, bevor sein Vertrauen schwindet? Ich wünsche mir aufrichtig, dass ich ihn der Lage bin, schnell genug zu lernen. Zu lernen, wie er reagiert, was er braucht, wie ich ihn lenken kann. Denn ich will mir auch in Zukunft einbilden, dass er mir noch in die Augen schaut, wenn er den Kopf in meine Richtung dreht. Und dieses wundervolle, warme Gefühl der Zuneigung in meinem Bauch spüren. 

Schon jetzt wird es bei uns abends wieder früher dunkel, die dunkle Jahreszeit naht unaufhaltsam. Dann werden unsere morgendlichen und abendlichen Spaziergänge in der Dunkelheit stattfinden. Auch im Haus werde ich dann aufmerksamer sein müssen, Licht “aus“ oder “an“ werden dann noch stärkere Auswirkungen haben als heute. Oder im schlimmsten Fall auch keinerlei Auswirkungen, wenn es weiter so schnell geht, sieht er vielleicht überhaupt nichts mehr. Und dann sitzen der Blindfisch Charlie, die taube Nuss Lis und ich vorm Kamin und praktizieren Rudelkuscheln. 

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9 Gedanken zu “Die PRA wird schlimmer

  1. Liebe Sandra,
    ich kann nicht nachfühlen, wie schlimm das für Dich ist, da ich das noch nicht erlebt habe. Aber ich kenne das Gefühl der Hilflosigkeit.
    Gerne hätte ich jetzt ein paar aufmunternde Worte, die keine Phrasen sind.
    Aber so bleibt mir nur: Ich denke an Euch!
    Herzliche Grüße
    Stephie

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Stephie,
      ich danke Dir für Deine Worte! Manchmal fühle ich mich ein wenig überfordert, aber das geht auch wieder vorbei. “Augen zu und durch!“ Dann kann ich wenigstens nachvollziehen, wie Charlie die Umwelt wahrnimmt. 😉
      Liebe Grüße
      Sandra, Lis und Charlie

      Gefällt 1 Person

      • Liebe Sandra,
        eine Phrase, die diese Bezeichnung nich verdient hat, habe ich doch für Euch. Wenn ich Bilder von Charlie sehe, geht mir der kleine Prinz nicht aus dem Kopf: Man sieht nur mit dem Herzen gut!
        In diesem Sinne: Ja, dein kleiner Prinz schaut Dich an.
        Liebe Grüße
        Stephie

        Gefällt 1 Person

  2. Das klingt wirklich arg besorgt. Wenn du diesen Artikel Charlie zubellen würdest, würde er vielleicht seine Pfote auf deine Schulter legen und versuchen, dich aufzumuntern.

    Klar ist das alles Gewöhnungssache. Aber das ginge einem Menschen nicht anders. Menschen, die z.B. ein Bein verloren haben, springen aus dem Bett, fallen hin und denken sich ‚Mist, da war was…‘ Aber ich glaube, so schlimm fasst man es nicht auf.

    Ich habe ein bisschen das Gefühl, du versucht, für ihn „mit aufzupassen“, was in gewissem Maße auch rücksichtsvoll und notwendig ist. Aber er muss auch selbst lernen, auf sich aufzupassen. Dann läuft er eben vorsichtiger, weil er nichts mehr sieht. Das ist aber doch total in Ordnung? Ich glaube nicht, dass seine Lebensqualität sinkt, weil er mal etwas langsamer läuft 😉
    Und wenn du ihn irgendwann tatsächlich an der Leine führen müsstest, wäre das auch nicht so schlimm, weil er wenigstens wüsste, DASS er geführt wird und sich verlassen kann.

    Generell glaube ich nicht, dass die Lebensqualität sinkt. Es wird nur anders. Wir immer mit unserem „Oh, der arme blinde Mensch dort drüben“. Der „arme Blinde“ findet sein Leben aber total klasse und ist vom Mitleid genervt. Vielleicht sähe Charlie das auch so. Ist ja schwer, ihn zu fragen 😉
    Charlie wird das Spielen und Herumtollen sich nicht aufgeben, bloß weil er nix mehr sieht 😉

    Gefällt 1 Person

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