Charlie ist nichts von dem, das ich wollte

Ehrliche Worte. Gestern sprach ich mit meinem Freund über Charlie und Lis. Wie sie sind, was sie ausmacht. Und dabei wurde mich klar, dass Charlie nichts vom dem erfüllt, das ich mir mal erhofft hatte. Ich wollte einen großen Hund, der auch mal auf mich aufpasst. Einen Hund, der stark und selbstbewusst ist und vielleicht auch Klischees erfüllt. Groß, schwarz, eindrucksvoll. Solche Attribute hatte ich im Kopf.

Lis ist ein Hund mit einem sehr starken territorialen Trieb und sie hat auch einen entsprechenden Schutztrieb. Sie steht wie ein kleiner Krieger an meiner Seite, wenn sich jemand unbefugter Weise auf unser Grundstück verirrt und wenn uns im Dunklen mal jemand begegnet, der mir unheimlich erscheint, ist sie sofort neben mir und angriffsbereit. Lis Nachteil ist eben, dass sie höchstens eine Kampfhandtasche ist. 8 Kilogramm Hund sind nicht wirklich ernst zu nehmen und ich nehme an, ein Einbrecher würde höchstens lachen, wenn er auf Lis und mich stößt.

Der zweite Hund, der unser Team bereichern sollte, sollte folglich auf jeden Fall groß sein, imposanter als Lis. Und irgendwie auf uns beide aufpassen. Das war die Idee. Und dann traf ich Charlie.

Auf den Fotos, die ich von ihm kannte, war er zumindest groß und dunkel. Es gibt dieses Vorurteil, dass große dunkle Hunde schlechter aus dem Tierschutz zu vermitteln sind, weil sie auf viele Menschen eher furchteinflössend wirken. Menschen mit diesem Vorurteil kennen Charlie nicht. Er ist sanft, freundlich, liebevoll, behutsam, unterhaltsam und ein totaler Pausenclown!

Wir besuchten ihn also auf der Pflegestelle und er wickelte mit seinem Charme Lis und mich umgehend ein. Lis näherte er sich langsam und voller Respekt, als wolle er ihr umgehend sämtliche Privilegien zugestehen und ihr mitteilen, dass er ihr niemals im Leben irgendetwas streitig machen würde. Mich schaute er einfach nur mit seinen bernsteinfarbenen Augen an und es war um mich geschehen. Natürlich haben wir uns der guten Form halber Bedenkzeit eingeräumt, aber ein paar Tage später ist er dann bei uns eingezogen. Den potentiellen zweiten Kandidaten haben Lis und ich noch nicht einmal mehr besucht, obwohl bereits ein Termin vereinbart war.

Charlie war die ersten Tage nach seinem Einzug so unsicher, dass er noch nicht mal außerhalb unseres Grundstückes seine Geschäfte erledigen konnte. Es war ihm unmöglich, eine Marke zu setzen. Fremde Hunde, die ihm mit Dominanz oder Aggression begegneten, veranlassten ihn zu einer sofortigen Flucht. Mehr als einmal haben Lis und ich uns für ihn geprügelt. Ihm den Rücken freigehalten und ihn davor bewahrt, in eine Schlägerei zu geraten. Und wenn im Dunkeln ein „unheimlicher“ Mensch kommt, ist Charlie ebenso wie Lis an meiner Seite, im Gegensatz zu ihr versteckt er sich allerdings in meiner Kniekehle.

Nach knapp zwei Jahren des Zusammenlebens kann ich heute sagen, dass sein Selbstbewusstsein deutlich zugenommen hat. Er bewegt sich auf jedem Territorium völlig selbstverständlich und markiert, wie es jeder Rüde tut. Und an guten Tagen knurrt er sogar zurück, wenn ein anderer Rüde ihn mal von der Seite anmacht. Der große Beschützer ist er trotzdem nicht. Wird er wahrscheinlich auch nie sein. Und trotzdem liebe ich ihn.

Es heißt „Man bekommt nicht den Hund den man will, sondern den Hund den man braucht.“ Ich glaube, das trifft auf Charlie zu. Charlie hat sehr viel in meinem Leben verändert, das mir deutlich bewusst wird, wenn ich an meine ursprüngliche Erwartung denke und das, was daraus geworden ist.

Ich wollte einen autarken Hund und habe einen bekommen, der auf mich angewiesen ist. Was hat das mit mir gemacht? Lis und ich waren ein Power-Team. Wir sind keinem Konflikt aus dem Weg gegangen, auch nicht untereinander. Ich kann nicht zählen, wie oft ich Lis klarmachen musste, dass ich eine Situation regele und sie ihre Aggression zügeln soll. Ich erinnere Situationen, in denen ich nachts ein Geräusch gehört habe und mit dem Baseballschläger in der Hand und Lis an meiner Seite Haus und Grundstück abgesucht habe. Wir hatten keine Angst und keine Bedenken. Beide klein, aber oho. Beide dominant, zielstrebig und wie Terrier.

Charlie kann mit Dominanz nicht gut umgehen. Raunze ich ihn mal an, weil er Unfug gebaut hat, fällt er in sich zusammen. Bin ich zu laut, verschreckt ihn das. Stürze ich mich kopfüber in ein Abenteuer, das für ihn Gefahr ausstrahlt, bleibt er hinter mir und wartet ab.

Ich musste durch und für Charlie lernen, nicht immer mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, auch mal leisere Töne anzuschlagen, weicher und sanfter zu sein. Reagierte ich gestresst auf etwas, musste Charlie sich umgehend übergeben. Er wurde mein Signal für Stress und Hektik. Morgens aus dem Haus hetzen, weil ich verschlafen habe? Undenkbar. Charlie braucht seine Rituale und vor Allem die richtige Zeit für alles. Wenn er nicht in Ruhe futtern kann und ich Hektik verbreite, finde ich sein Frühstück spätestens im Kofferraum wieder. Ihm den Napf vor die Nase stellen und nebenbei den Müll rausbringen, die Spülmaschine ausräumen oder nochmal schnell nach oben laufen, weil ich die Jacke vergessen habe? In diesen Momenten verweigert Charlie das Futter, er kann nicht fressen, wenn um ihn herum so ein Chaos herrscht. Habe ich zeitlichen Druck und arbeite mit Hochdruck an etwas, steht er manchmal neben mir und sabbert vor Stress. Ein sehr guter Indikator dafür, dass ich eine Pause machen und mal kurz abschalten sollte. Lis erträgt solche Verhaltensweisen von mir mit unglaublichem Langmut, meistens liegt sie irgendwo in der Nähe und schläft. Sie lässt sich nicht beeindrucken. Sie ruht in sich.

Charlie ruht sehr häufig nicht so sehr in sich, er ist empathischer was meinen Zustand angeht. Ich begründe das damit, dass er aufgrund der PRA stärker auf mich angewiesen ist. Er muss sich auf mich verlassen können, da ich für ihn sehe. Er braucht mich, damit er zurecht kommt. Er ist deutlich anhänglicher als Lis, begleitet mich auch im Haus und im Büro bei jedem Schritt und weicht kaum von meiner Seite. Und wer möchte sich schon auf einen Guide verlassen, der hektisch und gestresst ist? Charlie braucht von mir einfach eine gelassene, konstante Führung. Das zeigt er mir sehr deutlich und er hat es geschafft, mich zu einem ausgeglicheneren, sanfteren Menschen zu erziehen. Er hat mich so oft gezwungen, einen Gang zurück zu schalten, dass ich heute schon frühzeitig merke, wenn ich mal wieder aufdrehe, so dass ich mich selber regulieren kann. Ich muss nun nicht mehr zen-artig Erbrochenes von ihm aufwischen, weil ich ihn gestresst habe, sondern erkenne vorab, wann ich zu viel für ihn werde. Dann atme ich durch, sammele mich und benehme mich so, wie es für Charlie gut ist.

Charlie ist nichts von dem, das ich wollte. Aber er hat mein Leben um so viel mehr bereichert, als ich jemals zu hoffen gewagt hätte. Er hat Seiten an mir gefordert, die ich heute schätze. Ich mag es, geduldiger und ruhiger zu sein. Es gefällt mir, mit ihm ein Team zu bilden, dass so viel sanfter, aber mindestens genauso kraftvoll ist wie das Team „Lis & Sandra“. Er tut Lis gut, weil auch sie entspannter geworden ist. Er hat ihr gezeigt, dass nicht jeder Fremde verknurrt werden muss, dass es auch positive Begegnungen mit fremden Menschen geben kann.

Und als hätten wir einen Deal, hat auch er einen Schritt in meine Richtung gemacht: Er bellt, wenn es klingelt. Wie ein großer, ernst zu nehmender Wachhund.

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14 Gedanken zu “Charlie ist nichts von dem, das ich wollte

  1. Weißt Du, wenn Du irgendwann dein Potenzial voll ausschöfpst, würde es mich nicht wundern, wenn Charlie sich anders zeigt. Denn wir bekommen wirklich den Hund, den wir brauchen. Und vielleicht schaut Dich Charlie eines Tages an und sagt: Toll, fein gemacht Sandra. Jetzt hast Du es! Und trottet vor Dir her um Dir zu zeigen, dass er dein Guide ist und nicht auf Dich angewiesen. 😉

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  2. Deine Geschichte ist wieder einmal der Beweis, dass wir tatsächlich nicht den Hund bekommen, den wir uns wünschen. Und ja, das ist doch auch gut so. Ist doch mit menschlichen Begegnungen nichts anderes. Der eine lehrt unwissentlich Geduld (wie ich gerade am eigenen Leib mit der Dame vom Finanzamt erfahren darf..:), der andere zeigt überraschende Blickwinkel. Ich habe drei Hunde – vollkommen verschiedene Charaktere – und: keiner verkörpert das, was ich einst mal so wollte….

    LG

    Martina

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  4. Wundervoll geschrieben, ich bin gerührt. Wir können wirklich so viel von unseren Hunden lernen. ,,Liebe das Wesen deines Hundes so wie es ist und lerne ihn zu verstehen, anstatt ihn zu verändern.“ Wie ich finde, ein sehr passendes Zitat. Daran versuche ich mich zu orientieren. 🙂

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  5. PRA? Hab ich glaub ich noch nie gehört. Magst Du mir das bitte erklären?

    Tja, wie heißt es immer so schön: „Man bekommt nicht immer das Tier was man möchte, aber genau das was man braucht!“. Ob Kater, Pferd oder Hunde – meine Herren was das stimmt 😀

    Ich wollte immer ältere Hunde, also so ab 5 – 6 Jahren aufwärts. Um Himmels Willen keine Jungspunde. Schwarz mit etwas weiß sollten sie sein. Hat ganz toll nicht funktioniert 😀 Diego kam mit ca. 8/9 Monaten als panisches Bündel Kampfzwerg zu uns, Kayla war ca. 1,5 Jahre alt, total verzogen von ihrer PS und dann schaut der Zwerg aus wie ein kleiner Schäferhund und Kayla hat rotes Fell. Für mich sind sie trotzdem die schönsten und tollsten Fellnasen der Welt. Mit all ihren „Fehlern“, Macken und Marotten. Ich würd sie durch nichts eintauschen ❤

    Ich find Charlie ja richtig, richtig schön ❤ Ist er denn jetzt noch einen Schritt Richtung Wachhund gegangen..? 😀

    Bei der Stelle mit dem Baseballschläger und der kleinen Kampfhandtasche an Deiner Seite, musste ich herzhaft lachen. Ein Bild für die Götter! 😀

    Liebe Grüße, Frauke

    PS ich verfolg Dich jetzt und les mich bei Gelegenheit weiter durch die älteren Beiträge 🙂

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  6. Pingback: Zwei Sonderfelle | dreipunktecharlie

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