Die Krux mit dem „Allein bleiben“

„Charlie stürzt sich in den Tod!“ – Das war mein erster Gedanke, als ich den Ausbrecherkönig zum ersten Mal sah, als er auf der Küchenzeile stand und versuchte, das Fenster in den Hof zu öffnen. Vor diesem Fenster befindet sich ein Kellerabgang und man fällt im wahrsten Sinne des Wortes tief. Dabei begann alles ganz harmlos, Charlie war zu diesem Zeitpunkt ungefähr eine Woche bei uns und ich ging in den Hof an die Mülltonne. Schloss wie immer die Türe hinter mir, überquerte den Hof, entsorgte den Müll, drehte mich um und sah den verdammten Köter (In liebender Betonung lesen!) am Fenstergriff arbeiten!

Er hatte ihn schon in die richtige Position gedreht, also hastete ich wie ein Irrwisch zurück ins Haus, ließ einen infernalischen Schrei und verscheuchte ihn vom Fenster. Durchatmen war nun angesagt. Ich hatte mir einen Hund ins Haus geholt, der schon nach einer Woche Qualitäten zeigte, die ich mir nie erträumt hätte. Ich liebe intelligente Hunde, ich mag Hunde mit Forschergeist. Aber doch bitte nicht so!

Ich war erschrocken und stolz zugleich. Der kleine Teufel ist echt clever. Aber er kann doch nicht wirklich versuchen, Fenster und Türen zu öffnen. Zum Glück habe ich abschließbare Fenstergriffe und bis heute achte ich beim Verlassen des Hauses penibel darauf, dass auch alle abgeschlossen sind. Denn Charlie ist in diesem Bereich nicht vertrauenswürdig. Er hasst es, alleine zu bleiben und versucht alles, um mir zu folgen.

Lis ist ihm in diesem Moment kein Trost. Lis bleibt gerne alleine, sie legt sich hin und schläft, bis ich zurück komme. Das war zwischen Lis und mir nie ein Thema. Da ich mittlerweile eine Kamera-Überwachung habe, kann ich auch mit Sicherheit sagen, dass sie schläft. Selbst wenn Charlie unruhig ist und nach Auswegen sucht, liegt sie auf ihrem Lammfell und schläft in aller Seelenruhe. Sie blendet ihn aus.

Nach dem Fenster-Vorfall habe ich natürlich mit Hingabe alle guten Erziehungstipps und Ansätze zum Thema ausprobiert. Hunderte Wiederholungen, er darf nicht mit in dieses Zimmer, er muss in jenem Zimmer bleiben, ich gehe aus dem Haus und komme direkt wieder zurück, ich fahre vorher Fahrrad mit ihm und mache ihn müde, ich laste seinen Kopf mit Intelligenzspielen aus, ich setze ihn in eine Box. Unzählige Male habe ich all diese Ratschläge befolgt. Wie schwer zu erraten ist, hat er die Box zerlegt, Zimmertüren sind kein Hindernis und er hasst es, allein zu sein. Es stresst ihn. Verlasse ich das Haus, ist seine erste Runde eine, auf der er alle Zimmertüren öffnet und schaut, ob die Fenster abgeschlossen sind. Er schiebt Vorhänge zur Seite, fummelt am Fenstergriff herum (Die Nasenabdrücke auf dem Glas verraten ihn!) und inspiziert das ganze Haus, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, zu entkommen und mir zu folgen. Nach einiger Zeit legt er sich dann, das verraten mir die Kameras, ins Wohnzimmer vor das bodentiefe Fenster und wartet. Meist sabbernd. Irgendwann döst er ein, kommt zur Ruhe. Bis er ein Geräusch hört. Dann springt er auf, inspiziert wieder das ganze Haus, zurück vor das Fenster, sabbern, beruhigen. Ein gleichbleibender Rhythmus.

Sein gestresstes Verhalten hat zur Folge, dass ich ihn nicht wirklich lange alleine lasse. Ich habe Bachblüten und Pheromone ausprobiert, Lavendel und „Radio laufen lassen“. Doch er bleibt eher unzufrieden und gestresst. Dass muss in meinen Augen nicht sein. Die Hunde sind fast immer dabei, die Gelegenheiten, an denen sie nicht mitkönnen, sind überschaubar. Also habe ich mir angewöhnt, bei Anlässen, die länger als 2 Stunden dauern, um Hilfe zu bitten. Und ich wurde gehört! Der wunderbare „Onkel“ Mick liebt die beiden und ist der beste Hundesitter, den ich mir wünschen kann. Und falls Mick mal keine Zeit hat, habe ich eine herzensgute Freundin mit einem großen Münsterländer, die meine beiden herzlich aufnimmt. Bin ich also auf einer Veranstaltung, die für Hunde nicht geeignet ist, sind die beiden gut betreut. Alleine bleiben müssen sie wirklich nur noch für maximal 1 bis 2 Stunden und das klappt mittlerweile ganz gut. Länger muss es für mich aus heutiger Sicht auch nicht klappen, wir haben uns wunderbar arrangiert. Vielleicht verraten mir die Kameras in Zukunft irgendwann, dass Charlie verstanden hat, dass ich IMMER zurück komme und auch entspannt schläft. Aber selbst dann würde ich wahrscheinlich für längere Termine immer eine Betreuung organisieren. Denn ganz ehrlich: Es fühlt sich richtig gut an, wenn ich mal ohne Hunde unterwegs bin und ich muss nicht auf die Uhr schauen. Muss mir keine Gedanken machen, ob es ihnen gut geht. Sondern weiß, dass sie sich in besten Händen befinden. Ein entspanntes Gefühl, dass meine Lebensqualität verändert hat. Insofern ist die Krux mit dem „Allein bleiben“ vielleicht ein Segen!

Advertisements

8 Gedanken zu “Die Krux mit dem „Allein bleiben“

      • Ich bin weiterhin dafür, dass du Bellen lernst. Dann musst du Charlie nur noch die Uhr beibringen und dann kannst du ihm sagen, wann du wiederkommst 😉

        Nein, ernsthaft. Ich sehe es täglich vor dem Supermarkt, wo die Hunde angeleint werden: Manche liegen da sehr entspannt und wissen ‚Herrchen/Frauchen is gleich wieder da.‘ Und dann gibt es die verstörten nervösen Hunde, die bellen und bellen. Natürlich kommt Herrchen/Frauchen irgendwann wieder raus, daher glaubt der Hund, das Bellen wäre erfolgreich gewesen (weil: ohne Bellen wäre er/sie natürlich nie wiedergekommen) und daher wird immer nervös gebellt. Mich stimmt das schon traurig und ich würde die Hunde am liebsten immer knuddeln 🙂

        Gefällt 1 Person

  1. Raffinierter Kerl. Wirklich Ich wäre stolz wie Oskar auf so einen schlauen Hund. Andererseits bleibt einem ja das Herz stehen, wenn er solche Dinge macht. Zum Glück hast du abschließbare Fenstergriffe. Nicht auszudenken, wenn er ausbrechen würde.

    Ich hoffe, dass er es irgendwann lernt, dass du IMMER zu ihm zurück kommst.

    Flauschige Grüße
    Sandra & Shiva

    Gefällt 1 Person

    • Ich denke, dass der Erfolg mit der Zeit kommen wird. Wenn er einmal völlig blind ist, ist es sicherlich einfacher für ihn. Nicht mehr dieser Wechsel zwischen Rest-Sehkraft und Dunkelheit. Das verunsichert ihn meiner Meinung nach, besonders, wenn er ohne mich ist und sich nicht an mir orientieren kann. Und ich hoffe, dass er insgesamt etwas entspannter wird, je älter er wird. Und falls nicht, finden wir auch weiterhin eine Lösung.
      Liebe Grüße
      Sandra mit Charlie & Lis

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Talentfreie Zone! | dreipunktecharlie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s