Die übliche Reaktion

Ich hatte mal wieder ein Erlebnis, das typisch dafür ist, wie Menschen reagieren, wenn ich von Charlies PRA berichte. Verwunderung, Mitleid und dann so etwas wie Erleichterung.

Ich musste ein telefonisches Interview auf Englisch führen, ein Einstufungstest für einen Kurs, den wir firmenintern durchführen. Die Dame sprach zuerst mit mir über berufliche Themen, wechselte dann zu privaten Fragen, wahrscheinlich um zu prüfen, ob ich nur Business-Englisch spreche. Ich erzählte dann von meinen beiden Hunden, der eine alterstaub, der andere nahezu blind und an PRA erkrankt. Große Verwunderung! „Wie kommt man denn damit zurecht? Ist das nicht total anstrengend? Passieren dem blinden Hund viele Unfälle?“ Ich habe dann berichtet, dass ich der Guide des blinden Hundes bin und wir eigentlich sehr gut klar kommen. So gut, dass mich beide Hunde ins Büro begleiten. Dass Charlie bei Dämmerung und Nacht nichts sieht, bei Tageslicht wahrscheinlich noch ein wenig.

Schweigen in der Leitung. Die Dame (Die wirklich sympathisch ist!) dachte angestrengt nach. Fast hörbar. Dann endlich: „Also habe ich den tauben Hund beim persönlichen Vorgespräch kennen gelernt?“ Sie hatte nur einen Hund kennengelernt, da wir uns im Besprechungsraum zusammen gesetzt hatten und Lis bei solchen Terminen immer im Büro bleibt. Aufstehen ist ihr zu anstrengend, sie schläft dann lieber weiter in Ihrem Körbchen. „Nein, sie haben den an PRA erkrankten Hund kennen gelernt.“ Ich konnte förmlich spüren, wie irritiert mein Gegenüber am Telefon war. Sie wechselte ins Deutsche. Wahrscheinlich dachte sie, wir reden aneinander vorbei und ich hätte sie nicht verstanden. Erneut die Frage, ob sie wirklich den blinden Hund kennen gelernt habe. Die ich wieder bestätigte. Mit einem teuflischen Grinsen im Gesicht. Denn ich wusste bereits, was folgen würde. Die übliche Reaktion.

Die übliche Reaktion ist einfach beschrieben: Die Leute fragen nach, ob wirklich der große schwarze Hund erblindet. Rufen sich in Erinnerung, wie er sich verhalten hat. Schütteln sichtbar oder innerlich den Kopf. Atmen dann auf und es platzt aus ihnen heraus: „Aber der war doch ganz normal! Das hat man ja überhaupt nicht bemerkt.“

Und genau so ist es. Wenn Charlie in einer gewohnten Umgebung ist, dann ist er ganz normal. (Von seinen üblichen Verrücktheiten einmal abgesehen.) Er kann sich gut orientieren, benötigt kaum meine Hilfe und ist ein fröhliches Kerlchen.

Ich liebe es, wenn man den Menschen anhören oder ansehen kann, wie erleichtert sie sind, dass er nicht ständig mit dem Kopf vor die Wand läuft und orientierungslos herumirrt. Und ein klein wenig habe ich dann die Hoffnung, dass sie erkennen, dass ein Handicap nicht unbedingt eine Behinderung im wörtlichen Sinne sein muss. Und diese Erkenntnis nicht nur auf andere Tiere, sondern auch auf ihre Mitmenschen übertragen.

Augen im Zwielicht

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4 Gedanken zu “Die übliche Reaktion

  1. Schön, da ist Charlie ja als Missionar unterwegs… 🙂
    Ich helfe jeden Samstag in unserer Tierarztpraxis und da begegnen mir auch häufiger blinde Hunde. Den Hunden merkt man es wirklich kaum an. Ich denke, wir können uns schwer hineinversetzen, weil gerade für uns Menschen das Sehen ein so prominenter Sinn ist.
    Und auch wenn sie natürlich Ausdruck seiner Krankheit sind: Ich mag Charlies grüne Alienaugen. Tolles Foto.

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  2. Blinden Menschen sieht man das übrigens in der Regel auch nicht an. Die laufen schließlich auch nicht ständig gegen Straßenlaternen oder stolpern Treppen hinunter.
    Natürlich, viele stark seheingeschränkte Menschen haben „optische Erkennungszeichen“ wie einen Blindenstock, einen Blindenhund und ggf. auch die gelbe Binde mit den drei schwarzen Punkten. Aber wenn das nicht wär… pfff, alle ganz normal 😉

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