Wo bist Du?

Charlies Augen werden immer schlechter, in Zwielicht, Dämmerung und eher schlechtem Licht ist er nun auch blind. Den Beweis hat er heute morgen unfreiwillig erbracht. Eigentlich ein Morgen wie jeder andere auch: Wir stehen auf, ein paar Minuten zu spät. Charlie und ich gehen nach unten, Lis bleibt erst einmal noch liegen. Ich mache mir einen Kaffee, Charlie darf kurz raus in die „Pipi-Ecke“. Dann gibt es Frühstück. 

Charlie weckt Lis, die Hunde frühstücken, ich trinke den Kaffee. Dann gehe ich ins Bad, Charlie legt sich vor das Badezimmer und wartet auf mich. Sobald ich fertig bin, verlassen wir gemeinsam das Haus, fahren mit dem Auto in Richtung Büro und halten auf dem Weg im Wald.

Heute Morgen war jedoch etwas anders, ich habe mich nach dem Ankleiden nochmal kurz aufs Bett gesetzt, da mein Kreislauf mich geärgert hat. So saß ich nun still auf dem Bett. (Ja, wirklich. Ich kann still sein. Und mich auch mal einen Moment nicht bewegen. Das ist selten, aber grundsätzlich möglich.) Charlie wartete auf dem Treppenabsatz, dass es endlich losginge. Nach wenigen Augenblicken entschied er sich, dass etwas nicht stimmt und kam, um mich abzuholen.

Er betrat das Zimmer. Ging in Richtung Kleiderschrank. Keine Sandra. Drehte sich in Richtung Bett. Dabei konnte ich sehr genau beobachten, dass er nur hörte, aber nicht bewusst schnupperte. Drehte sich wieder um, wurde etwas hektisch, lief in Richtung Bad. Dort auch: Keine Sandra. Also wieder zurück ins Schlafzimmer. Schnellen Fußes. Aufgeregt. Wo ist sie? (Dabei erinnerte er mich sehr an die kleine Tochter von Freunden beim Verstecken-Spielen.) Drehte sich um die eigene Achse. Irritiert, die Ohren hoch aufgestellt, die Rute ebenso.

Ich konnte dann einfach nicht mehr warten, bis er sich auf seine Nase besinnt. Ich habe ihn angesprochen, da ich ihm und mir weiteren Stress am frühen Morgen ersparen wollte. „Charlie, hier bin ich.“ Erleichterung pur! Er wedelte mit dem ganzen Körper, sprang auf mich zu und ich bin mir total sicher, dass in seinem Gesichtsausdruck eine Mischung aus Freude und Überraschung waren. Dieser völlig entgeisterte Blick à la „Wie bist Du denn dahin gekommen?“.

Im Überschwang der Gefühle ist er dann gleich aufs Bett gehopst und hat mir einen feuchten Kuss auf die Nase gegeben. Das habe ich zum Anlass genommen, ihn feste zu knuddeln und mit ihm zu rangeln. Ein sehr schöner Moment, weil wir beide voller Freude waren, dass wir einander haben und einander auch finden, selbst wenn Charlie nicht alle Sinne einsetzt.

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5 Gedanken zu “Wo bist Du?

  1. Du darfst nicht so oft duschen, dann findet er dich leichter 😀

    Nein, Spaß beiseite. Er wird sicherlich mit fortschreitender Erkrankung auch lernen, sich mehr auf die anderen Sinne zu verlassen und dann auch täglich neue Erfahrungen mit seiner Blindheit machen (tut er vermutlich heute schon) und an diesen wachsen. Irgendwann wird das sicherlich alles sehr normal für ihn sein 🙂

    Gefällt 1 Person

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