Griesgram und Pausenclown

Es regnet. Wie aus Eimern. Wir gehen trotzdem spazieren. Ich schaue Charlie und Lis zu und stelle fest, dass ihr Verhalten bei Regen charakteristisch für ihr Wesen ist. Lis ist mürrisch, den Kopf eingezogen, geht ganz langsam, zeigt deutlich mit dem ganzen Körper, dass sie keine Lust auf die Runde hat. Charlie rast durch den Wald, springt in Pfützen, wälzt sich im Laub und strahlt vor Freude. 

Lis schleicht geradezu, dreht zwischendurch um und schaut sehnsüchtig in Richtung Auto. Immer wieder muss ich Charlie bremsen, damit wir auf Lis warten können. Typische Situation: Lis ganz hinten, 10 Meter darauf ich, weitere 10 Meter vorneweg Charlie. Ich komme mir vor wie das Bindeglied in der Mitte. Und wie ich so im Regen stehe und mein Rudel zusammenhalte, wird mir bewusst, dass das schon immer so war. Lis ist ein Sozialphobiker, mag weder fremde Hunde noch fremde Menschen. Charlie ist ein Philanthrop, er mag Menschen und Hunde und sucht aktiv den Kontakt.

Mit Lis alleine zog ich stundenlang durch den Wald (Damals war sie noch jund und fit!) und musste mit niemandem reden. Wir machten Bögen um Mensch und Hund und waren ein eingespieltes Team. Ich lernte weder andere Hundehalter kennen noch sonst irgendjemanden. Wir konnten beide gut darauf verzichten.

Mit Charlie lernt man Menschen mitten auf der Straße kennen. Egal ob auf dem Land, in Köln oder Berlin. Sogar Menschen, die selber keine Hunde haben, sprechen auf Charlie an. Er strahlt irgendetwas aus, dass die Menschen freundlich werden lässt. Zugänglich. Mit Charlie durch die Stadt gehen, in einem Restaurant sitzen oder bei Regen durch den Wald bedeutet immer, angesprochen zu werden. „Der ist aber freundlich!“ oder „Warum leuchten die Augen so grün?“, dich gefolgt von „Der ist aber brav!“ und dann immer „Ach, da ist ja noch ein Hund.“. Lis versucht sich in solchen Situationen unsichtbar zu machen. Versucht sie generell. Mit ihr ins Café oder Restaurant zu gehen bedeutet, dass sie sich unter dem Stuhl oder Tisch verkriecht und erst wieder hervor kommt, wenn wir gehen. Charlie legt sich ab, aber so, dass sein Kopf unter dem Tisch hervorlugt und er jeden begrüßen kann, der sich uns nähert. Nähert sich jemand dem Tisch, fängt er wild an zu wedeln, liegend, und hofft, dass der Mensch das Klopfen seiner Rute hört. Sobald er dann angesprochen wird, ist er glücklich. Und falls der Fremde dann fragt, ob Streicheln erlaubt sei, ist Charlie im Siebten Himmel!

Ebenso verhält es sich mit fremden Hunden. Lis wehrt jeden Hund, der sich uns nähert, mit einem „freundlichen Grinsen“ ab. Ich liebe es, wenn sie geräuschlos die Zähne zeigt und somit jedem vermittelt „Das ist mein Tanzbereich!“. Sie kann das ganz wunderbar und hat dabei eine so deutliche Körpersprache, dass selbst überschwängliche Golden Retriever kurz vor ihr abschwenken.

Charlie ist der überschwängliche Retriever in zehnfacher Potenz. Ernsthaft.

Ob an der Leine oder freilaufend: Jeder Hund, den er trifft, ist der coolste Hund, den er jemals getroffen hat. Er freut sich wie irre, will Kontakt und am liebsten sofort Beste-Freunde-werden.

Lis und ich haben unsere Probleme mit diesem Verhalten. Wir sind nicht besonders scharf darauf, Playdates zu haben oder uns in „Hausfrauengruppen“ auf der Hundewiese zu integrieren. Wir möchten nicht zwingend mit fremden Leuten sprechen, weder auf der Straße noch im Wald. Aber Charlie zwingt und dazu. Also mussten wir unser Sozialverhalten ändern. Lis hat ihr freundliches Grinsen abgelegt, jedenfalls fast immer. Ich leine sie an, damit sie ihre Individualdistanz wahren kann und schütze sie mit meinem Körper vor den tobenden Hunden. Und ich musste lernen, dass andere Hundehalter und Menschen, die uns unvermittelt irgendwo ansprechen, nicht unbedingt das Schlimmste sind, was und passieren kann. Ich grüße mittlerweile (fast) freundlich, antworte mehr als einsilbig und beantworte geduldig alle Fragen. An guten Tagen stelle ich sogar eine Gegenfrage. Und wir haben neuerdings Playdates, damit Charlie seine Freunde treffen kann.

Es geht sogar soweit, dass ich mich freue, wenn wir abends auf der Wiese noch Peach treffen. Peach ist eine niedliche kleine Hündin (noch kleiner als Lis), die absolut auf Charlie abfährt. Und er auf sie. Die Beiden jagen sich über die Wiese, tollen herum und haben wahnsinnigen Spaß. Wir haben uns sogar so sehr an Peach und Frauchen gewöhnt, dass Lis ohne Leine mit uns laufen kann und ich mit Peachs Frauchen in vollständigen Sätzen über mehr als die Hunde rede. Ich muss zwar gestehen, dass sie für mich immer noch „Frau Peach“ ist, aber irgendwann finde ich bestimmt auch noch ihren Namen heraus.

So hat Charlie, der Pausenclwon, Lis und mich etwas weniger griesgrämig und misanthropisch werden lassen. Er beschert uns soziale Kontakte, die wir uns niemals erträumt hätten. Fehlt nur noch, dass er es irgendwann schafft, dass Lis bei Regen gute Laune hat.

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11 Gedanken zu “Griesgram und Pausenclown

      • Ich fürchte ja, in der Realität bleibt der Hund nicht unter dem Schirm, bzw. der Schirm nicht über dem Hund. Und interessanterweise sieht man in allen Anzeigen zu diesem Produkt eher kleine Hunde. Ein Schelm, wer böses denkt 😉
        Vielleicht lieber ein Regenmäntelchen? 😀

        Ich stelle mir Lis immer wie die gebeugt laufende Nachbarin meiner Oma vor. Die meckerte den ganzen Tag vor sich hin, wenn du ihr aber was abnehmen wolltest, hat sie das vehement abgelehnt. Die war nur glücklich, wenn sie griesgrämig war.
        Vielleicht mosert Lis ja innerlich auch vor sich hin und ist ganz zufrieden damit 🙂

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