Ein Tag ohne Lis

Ab und an gibt es Tage, die ich mit den Hunden nicht vereinbaren kann. Oder mit einem der Hunde. Dieses Mal hat es Lis getroffen. Ich hatte einen beruflichen Termin, mit dem sie überhaupt nicht kompatibel war. Für manche Termine ist sie einfach zu unfreundlich Fremden gegenüber und wenn ich absehen kann, dass diese Termine länger dauern, möchte ich sie auch nicht alleine im Büro lassen. Also ist sie bei Onkel Mick geblieben und Charlie hat mich alleine begleitet. Charlie ist wirklich mit Allem und Jedem kompatibel. Er ist zurückhaltend, höflich, drängt sich nicht auf und kann bei Terminen nahezu unsichtbar sein, falls die Teilnehmer nicht hundefreundlich sind. Das liegt Lis leider nicht. Passt ihr jemand nicht, bringt sie das mit Knurren deutlich zum Ausdruck. Sie liegt auf ihrem Platz, bewegt sich keinen Millimeter, knurrt aber durchweg und bei jeder Bewegung des Besuchers. Und diese Störung wollte ich nun nicht auf mich nehmen, da es ein wichtiger Termin war. 

Charlie und ich hatten also einen „Griesgram-freien“ Tag. Für mich sehr spannend, da wir ansonsten immer nur im kompletten Team unterwegs sind. Und es sind Unterschiede festzustellen:

Charlie ist noch leichter zu führen. Er ist grundsätzlich gehorsam und leicht führbar, aber wenn wir alleine unterwegs sind und ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit gilt, reagiert er noch schneller und auf deutlich schwächere Kommandos. Ich glaube er merkt, dass ich nicht gleichzeitig noch nach Lis schaue. Charlie reagiert auf ein Schnalzgeräusch, mit dem wir das Kommando „Hier“ ersetzen. „Fuß“ ersetze ich durch Klopfen auf meinen Oberschenkel usw. Aber auch diese Zeichen brauche ich kaum, wenn wir alleine unterwegs sind, da Charlie deutlich häufiger Kontakt zu mir aufnimmt bzw. ich den Kontakt häufiger beantworte, da ich mich nur mit ihm und nicht auch mit Lis beschäftige. Und häufigeres Reagieren auf Kontakt bedeutet bei uns nunmal eine engere Einheit zu sein und weniger Kommandos zu benötigen.

Wir sind schneller auf den Runden. Sind wir zu dritt unterwegs, muss ich ihn ab und an bremsen, damit Lis wieder zu uns aufschließen kann. Ohne Lis können er und ich unser eigenes Tempo gehen und das ist deutlich schneller. Eine unserer Mittagsrunden gehen wir zu Dritt in 45 Minuten. Charlie und ich haben heute nur 30 Minuten für diese Runde gebraucht.

Unsere Kontakte zu anderen Hunden laufen anders. Normalerweise leine ich beide Hunde an, nähere mich dem anderen Hund und entscheide dann mit dem anderen Halter gemeinsam, ob wir Freilauf gewähren. Wenn wir einem unangeleinten Hund begegnen, der aufdringlich wird, lasse ich meist Charlies Leine fallen und kümmere mich um Lis. Sie hat einfach schlechte Erfahrungen gemacht (sie ist mehrfach an der Leine „verdroschen“ worden, eine dieser Begegnungen habe ich hier beschrieben) und neigt zu einer Leinen-Aggression. Also muss sie sitzen und im Kommando bleiben. Charlie ist überhaupt nicht aggressiv und wirkt auf aggressive Hunde meist beruhigend. Er wickelt sie mit seinem Charme ein und wirkt deeskalierend. Das nutze ich dann aus und er kann sich mit dem anderen Hund abgeben, bis sein Halter ihn einsammelt. Zum Glück geht das immer gut und Charlie hat uns schon den ein oder anderen Hund vom Leib gehalten. Treffen Charlie und ich alleine auf einen Hund ohne Leine, mache ich einfach: Nichts! Ich weiche nicht aus, leine nicht an und halte mich einfach im Hintergrund. Charlie hat einen deutlich besseren Umgang mit fremden Hunden als Lis und ich kann ihn im wahrsten Sinne des Wortes laufen lassen. Er bekommt keinen Ärger und falls sein gegenüber doch mal Ärger sucht, zeigt Charlie, wie schnell er laufen kann und kommt schutzsuchend zu mir. Bei unserer Mittagsrunde ohne Lis sind wir einer Hündin begegnet, die mit Lis nicht auskommt. Mit Charlie schon. So konnten die Beiden heute ausgelassen miteinander durch die Matsche toben und sich auch mal ohne Leinen kennen lernen. Irgendwie ganz schön, zumindest für Charlie. Für mich nicht ganz so, ich stehe dann immer doof rum und habe keine Lust, mit dem anderen Hundehalter mehr als eine freundliche Begrüßung auszutauschen.

Natürlich möchte ich Lis nicht missen und bin froh, dass die alte Dame immer noch relativ fit an unserem Leben teilnimmt. Aber es ist auch ab und zu ganz schön, zu sehen wir Charlie sich verhält, wenn er Einzelhund ist. Und irgendwann wird es so weit sein, dass Lis nicht mehr bei uns ist und vielleicht sind die heutigen Situationen ohne sie ein Ausblick darauf, wie es dann sein wird. Bisher hatte Charlie nie die Chance, als Einzelhund zu leben. Es kann gut sein, dass die Bindung zu mir dann noch enger wird, sich verändert und er es genießt. Und falls nicht, finden wir auch eine Lösung.

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4 Gedanken zu “Ein Tag ohne Lis

  1. Schön, das Charlie so viel Freude an Einzeldates zu haben scheint. Mit meinen bringt das auch eine ganz andere Dimension in unsere Beziehung. Und auch wenn es zu dritt bei uns immer besser geht, freue ich mich auf diese besonderen Einzeldates. Ich lerne jeden Hund noch mal besser kennen.
    Liebe Grüße
    Stephie

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  2. Unser kleiner Herr Sonntag ist da etwas merkwürdig: andere Rüden ignoriert bzw. akzeptiert er – bei Hündinnen macht er eine Riesenshow, er beltl, grollt und knurrt (das sieht mit den gebleckten Zähnen sehr aggressiv aus), wirft sich mit aller Kraft ins Brustgeschirr und macht überhaupt einen auf „Obermacker“.Laut und angeberisch. Warum nur bei Mädels? Das Rätsel haben wir noch nicht gelöst 😉

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