Lost in the dark

Der Herbst bringt mit sich, dass es abends dunkel ist, wenn wir uns auf unseren letzen Spaziergang begeben. Wir sind dann immer leuchtend ausgestattet, die Hunde mit Leuchthalsband, ich mit einer Taschenlampe. Auf unserer gestrigen Runde trafen wir eine Freundin von Charlie, Peach, und ihre Halterin. Peach kennen wir seit dem Frühjahr und haben einige schöne Treffen auf Spaziergängen mit ihr gehabt. Allerdings immer im Hellen. 

Während wir gestern gemeinsam liefen, machte ich zwischendurch immer wieder die Schnalzgeräusche, anhand derer Charlie meine Position bestimmen kann. (Ich berichtete darüber in unseren Trainingsansätzen.) Dies führt natürlich bei Menschen, die uns nicht kennen, zu Fragen. „Warum machen Sie das?“ und ähnliche. Ich erkläre es immer, je nach Interesse meines Gegenübers, mehr oder weniger ausführlich. Und wie fast immer entstehen weitere Fragen bzw. Feststellungen: „Aber der läuft doch total normal und spielt! Der kann doch noch sehen?“

Manchmal erkläre ich dann, dass wir gut mit der Erblindung zurecht kommen und Probleme nur dann auftauchen, wenn die Umgebung fremd ist und ich nicht aufmerksam bin. Manchmal fehlt mir dazu die Lust. So auch gestern. Also bat ich die Dame, einfach mit mir stehen zu bleiben und sich geräuschlos zu verhalten. Ich machte einen Tierversuch mit ihr. Charlie lief zuerst noch fröhlich durch die Wiese, schnüffelte hier und dort. Nach kurzer Zeit jedoch hob er den Kopf und suchte. (Klasse für solche Vorführungen ist, dass er nicht merkt, wenn ich ihn mit der Taschenlampe anleuchte. Ich kann ihn beobachten ohne ihn zu beeinflussen.) Lief ein paar Meter in die eine Richtung, witterte. Ein paar Meter in die andere Richtung, Kopf in die Höhe, wieder Witterung. Er wird in solchen Situationen schnell nervös, wenn er nicht sofort wittert, wo ich bin, gerät er unter Spannung, die Rute steil erhoben und seine Bewegungen werden fahriger. Man sieht also anhand seines Körpers, wie es ihm gerade geht. Frau Peach sah dies auch und bekam umgehend Mitleid: „Der sieht uns ja wirklich nicht!“. Das war Charlies Chance! Stimmen! Erleichterung! Schwanzwedeln! Ich schnalzte dann umgehend, um ihm absolute Gewissheit zu geben und er düste freudig auf uns zu.

Charlie ist „lost in the dark“ und ich bin sein sicherer Hafen, helfe ihm bei der Orientierung und wache über ihn. Vielleicht ist das übertrieben, aber so fühlt es sich für mich nunmal an. Und dieses unfassbare Gefühl von Erleichterung und Glück, wenn er auf mich zu läuft, zu mir kommt, sich freut mich gefunden zu haben, das ist einfach unbeschreiblich. Und ich liebe unsere Rituale. Ich mag es, für ihn zu schnalzen, mich durchströmt Wärme, wenn er dann nah an mich heran kommt, mit seiner Nasenspitze mein Bein berührt, als wolle er mir vermitteln, dass er bei mir ist. Ich platze vor Stolz, wenn ich „Leine“ sage, um ihn im Dunkeln anzuleinen und er hebt den Kopf, damit ich an den Ring am Halsband komme. Ich könnte ihn knutschen, wenn ich „Hand“ sage und er sucht mit der Schnauze nach meiner Hand in der Dunkelheit. Ich fühle mich wahnsinnig vertraut mit ihm, wenn wir eine fremde Strecke gehen und er angeleint ist, dabei „nah bei“ neben mir geht und seine Schulter immer wieder mein Bein streift. Seine PRA hat dazu geführt, dass ich in der Dunkelheit nicht mehr auf Geräusche achte, mich nicht mehr ängstlich oder unsicher fühle. Ich bin nicht mehr die Frau, die im Dunkeln mit den Hunden gehen muss und das eigentlich nicht mag. Ich bin durch Charlie zu einer Frau geworden, die ihre Hunde durch die Dunkelheit führt, sicher, umsichtig und mit einer Aufgabe. Gemeinsam sind wir nicht in der Dunkelheit verloren, sondern ein richtig gutes Team!

PRA-Augen

Advertisements

4 Gedanken zu “Lost in the dark

  1. Wow, ein sehr einfühlsamer Beitrag. Danke, dass du dies mit uns teilst. Ich kann verstehen, dass es für dich zu einer Wendung geführt hat. Einfach schön, wie viel Vertrauen dir Charlie schenkt und wie toll ihr das meistert.
    liebe Grüße
    Sandra und Aaron

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Blind in Bewegung | dreipunktecharlie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s