Auf und Ab

Die dunkle Jahreszeit. Ich mag sie nicht. Meistens. Es gibt diese Ausnahme-Tage, an denen die Sonne das Laub strahlen lässt oder die Nasenspitze in klirrender Kälte wärmt. Dann mag ich Herbst und Winter. Aber nur dann. Ansonsten sind die dunklen Monate ein Auf und Ab für uns. Mindestens zwei unserer Spaziergänge am Tag finden in der Dunkelheit statt. Ständig werden wir nass. Trotz Funktionskleidung. Die nicht nur ich trage, sondern auch Lis.

Die Arthrose setzt ihren Gelenken zu und es bekommt ihr nicht gut, wenn sie in der Kälte nass wird. Also hat sie ein wärmendes, wasserdichtes Mäntelchen. Das trägt sie gerne und freut sich, wenn sie es anziehen darf. Sie steckt ihren kleinen Dickkopf freiwillig durch die Halsöffnung und stolziert damit umher, als wäre sie eine feine Dame. Doch trotz dieses wärmenden Schutzes gibt es Tage, an denen sie schlecht läuft. Sie ist steif, kommt nicht in die Gänge und müht sich sehr. Das sind Tage, an denen wir langsam spazieren gehen müssen. Ich weigere mich, die Runden für sie zu verkürzen, da ich glaube, dass sie in Bewegung bleiben muss. Würde ich nachgeben, würden langfristig die Muskeln abbauen und das wäre wohl kontraproduktiv.

Charlie findet diese langsamen Runden doof. Er bevorzugt ein hohes Tempo. Um ihm trotzdem gerecht zu werden, beschäftige ich ihn „besonders“. Er muss Tricks machen, apportieren und ähnliches. Wobei Apportieren für ihn mittlerweile nahezu unmöglich geworden ist. Es klappt, wenn wir auf einem Untergrund spielen, der das Apportel hörbar macht. Am besten ein harter Boden in Kombination mit einem Gummiball. Das gibt laute Geräusche, die eine Ortung des Zielobjektes ermöglichen. Aber auf einem harten Boden Stop-and-go-Bewegungen zu provozieren ist wiederum nicht gut für die Gelenke. Und ein Spielzeug mit Glocke oder Ähnliches finde ich nicht nur schrecklich, sondern es macht auch nur so lange Geräusche, wie es in Bewegung ist. Fällt es auf weichen Waldboden, verstummt es umgehend. Einen Futterbeutel mit wohlriechendem (Charlies Definition. Meine Sprache: „Stinkendem!“) Pansen habe ich auch schon versucht, den findet er irgendwann anhand des Geruches, das kann aber dauern, wenn er sich in der Richtung vertan hat (Meine Definition. Charlies Sprache: „Die wirft in die falsche Richtung!“).

Also beschränken wir uns bei diesen Runden auf Übungen im Bereich Unterordnung und Tricks, die seine Geschicklichkeit fördern sollen. Obwohl er es nicht mehr sieht, fordere ich ihn immer mal wieder auf, durch meine Beine zu laufen. Ich erhoffe mir davon, dass er bewusst ortet, wo ich stehe und die Aufgabe auch ohne Augenlicht löst. Häufig klappt das, manchmal rempelt er mich dabei kräftig an. Oder ich lasse ihn sich um die eigene Achse drehen, als er noch sehen konnte, hat er dabei einen sehr großen Kreis gedreht, ist mit den Vorderbeinen stehen geblieben und hat die Hinterbeine hüpfend um sich herum bewegt. Heute schafft er es, diesen auf wirklich kleinem Radius zu machen und bewegt dabei Vorder- und Hinterbeine gleichermaßen tänzelnd. Er kann sich mittlerweile auf sehr engem Raum drehen, was besonders in Engstellen hilfreich sein kann.

Außerdem üben wir bei Kommandos wie „Hand“, er muss dann Kontakt mit der Nase zu meiner Hand aufnehmen. Dabei strecke ich die Hand ungefähr auf Hüfthöhe von mir und er muss sie anstupsen. So kann ich Körperkontakt aufbauen, ohne ihn durch eine unangekündigte Berührung zu erschrecken. Auch üben wir „Leine“, wenn ich ihn heran rufe, lasse ich ihn sitzen und sage „Leine“, bevor ich ihn anleine. So weiß er, dass ich an das Halsband greife, der Karabiner klicken wird und er den Kopft möglichst stillhalten soll.

Solche Übungen machen uns Spaß und lasten Charlie auch geistig aus. Ich freue mich besonders, wenn ich merke, wie arbeitswillig er ist und dass er in solchen Momenten besonders aufmerksam und konzentriert ist. Ich belohne ihn fast ausschließlich stimmlich, Leckerchen habe ich nur selten dabei.

Neulich hatte ich Leckerchen eingesteckt und im Überschwang des Trainings habe ich diese auch verteilen wollen. Ich greife in die Tasche, halte Lis eines hin, sie greift danach und schmatzt deutlich. Charlie steht neben ihr, nimm wahr, dass es was zu Futtern gibt, reckt den Hals und sucht nach seinem Leckerchen. Gefühlte drei Meter von mir entfernt. Er hält die Nase hoch und schnüffelt suchend in seiner Reichweite herum. Fragendes Gesicht. Enttäuschtes Gesicht. Es gibt wohl kein Leckerchen für ihn. Das sind Momente, die mir das Herz brechen. Er ist in seiner Gewohnheit, dass ich ihm die Dinge vor die Nase halte so gefangen, dass er nicht auf die Idee kommt, einen Schritt auf mich zuzumachen. Er würde niemals eine Belohnung so von mir einfordern. Lis ist da ganz anders. Gebe ich Charlie ein Leckerchen, sitzt sie Sekunden später vor mir und fragt deutlich nach, ob ich seit Neuestem die beiden Hunde nicht mehr gleich behandele. Also spreche ich Charlie an und sage „Hand“, so dass er auf die Idee kommt, meine Hand zu suchen. Er geht einen Schritt auf mich zu, sucht die Hand, findet sie und bekommt endlich sein Leckerchen. Darüber freut er sich dann auch irgendwie doppelt! Ich nehme an, ich werde noch ein Kommando für Leckerchen etablieren müssen, damit er weiß, dass auch er eines bekommt, das er sich bei mir abholen kann.

Solche Momente sind bezeichnend für unser Auf und Ab. Wir erleben Situationen, in denen alles wunderbar klappt, die Kommandos sitzen und ich kaum merke, dass Charlie nichts mehr sieht. Und dann passiert das Leben und eine Kleinigkeit wie ein Leckerchen oder ein Hindernis in der Dunkelheit zeigen mir ganz deutlich, dass eben nicht alles rosarot ist. Dass wir noch einen langen Weg vor uns haben.

Ich scheue mich nicht vor dem Weg. Sondern ich erschrecke mich manchmal vor meinem eigenen Mitleid für ihn. Es gibt Tage, da laufe ich durch die Welt und denke mir „Ha! Einer blind, einer alterstaub und niemand könnte es erkennen!“. Es gibt aber auch Tage, da muss ich Lis einsammeln, weil sie den Sichtkontakt zu mir verloren hat und mich nicht hört. Währenddessen steckt Charlie in einer Böschung fest, weil er die Orientierung verloren hat. Dann fühle ich mich wie das Chaos höchstpersönlich und als hätte ich nichts im Griff. Charlie tut mir leid, weil er immer noch im Reisig hängt und keine Ahnung hat, in welche Richtung er herauskommen soll. Ich rufe ihn dann, was ihm meistens ermöglicht, die richtige Richtung zu finden und den Weg heraus zu nehmen, den er in die Böschung hinein genommen hat. Manchmal purzelt er aber auch laut krachend einfach weiter die Böschung hinunter und schüttelt sich unten angekommen sehr verdutzt. Dann stehe ich dort, schaue zu ihm herab und möchte weinen und lachen zugleich. Ich möchte ihn auf den Arm nehmen und trösten, in Watte packen und vor so etwas immer (!) beschützen. Und ich möchte lachen, weil er es sich viel weniger zu Herzen nimmt. Er schüttelt sich und fängt von vorne an. Verlässt sich auf meine Stimme und hofft so, den richtigen Weg zu finden. Und wenn er den trotzdem nicht findet, bleibt er stehen und lässt sich retten. Dann darf ich die Böschung hinunter und muss ihm den Weg weisen.

So geht es bei uns auf und ab. Die Böschung hinab und wieder hinauf. Mal fröhlich, mal traurig. Mal mit Gelenkschmerzen, mal mit Kratzern an den Beinen, weil Dornen in der Böschung waren. Mal freudig, weil alles gut klappt. Und manchmal mit einem imaginären Superhelden-Cape: Lis, weil der Mantel im Wind weht. Ich, weil ich den Blindfisch und die Taube Nuss nahezu heil durch die Nacht bringe. Und Charlie, weil er doch ein Leckerchen bekommen hat. Das ist für ihn die außergewöhnlichste Belohnung und mehr wert als ein Schnitzel. In seiner Welt muss man sich nach einem Leckerchen bewegen wie Batman persönlich!

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15 Gedanken zu “Auf und Ab

  1. Liebe Sandra,
    du hast einen wunderschönen Bericht geschrieben, der mir die Tränen in die Augen treibt.
    Ich hoffe sehr, dass jemand in deinem Leben Dich häufiger in den Arm nimmt, damit Du genug Kraft für das Ab hast und ich wünsche Euch weit mehr Auf als Ab.
    Alles Liebe für Dich, Charlie und Lis
    Stephie

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    • Liebe Stephie,
      ja, zum Glück gibt es da jemanden, der nicht nur mich, sondern auch Charlie & Lis gerne in den Arm nimmt. Und sogar verrückt genug ist, mit Charlie über FaceTime zu sprechen, weil der sich so freut, die Stimme zu hören. 😉
      Und dann ist da ja noch das Gefühl, das Du mit Sicherheit auch kennst: Wenn Dein Hund sich seufzend an Dich schmiegt, dann würdest Du für ihn die Welt aus den Angeln heben, so viel Kraft vermittelt diese Vertrautheit!
      Und für Deine sehr lieben Worte danke ich Dir, auch aus solchen Freuden ziehe ich Kraft. (Ich bin ein Kraft-Sauger. 😉 )
      Liebe Grüße an Dich, Luna, Enki, Paula, Oskar und den Lieblingsmann!

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      • Sauge, so viel Du kannst und willst… 😙 Bei uns überwiegt seit einer Weile das Positive so sehr, dass wir alle viel abzugeben haben (auf Holz klopf). Süß von diesem Jemand. So Verrückte kann man nicht genug im Leben haben.
        Off-Topic: Ich habe eben deinen Kommentar bei Warnowtatzen gelesen und finde ihn wunderschön und so wahr.

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      • Danke, danke! Aber so viel muss ich ja auch nicht saugen, bei uns ist vieles positiv! (*Schnell für Euch und uns auf Holz klopf*)
        Off-topic: Die Warnowtatzen müssen auf jeden Fall weitermachen, ich lese sie so gerne! Cool, dass auch Du mit einem starken Kommentar dafür plädierst! 🙂

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