Von Mäntelchen, Fotos und Käsewürfeln

Im letzen Beitrag schrieb ich in einem Nebensatz von Lis wärmenden, wasserdichten Mäntelchen. Ein Foto dazu wurde über verschiedene Kanäle erfragt und es ergab sich zudem ein kurzer Austausch über modische Sünden. Lis trägt ihren Mantel gerne und mit Würde, dessen bin ich mir sicher. In letzter Zeit reagiert sie aber eher genervt, wenn ich sie fotografiere. Sie wird mit dem Alter immer eigenartiger. Sie mag nicht mehr in die Kamera schauen und erst recht nicht posieren. Winken, den Kopf schräg halten oder Männchen machen ist passé. Sich neben Charlie setzen und ein „Gruppenfoto“ über sich ergehen lassen ist nur noch an besonders guten Tagen von Erfolg gekrönt. Es wirkt, als würde sie sowohl der Kamera als auch dem Mobiltelefon bewusst aus dem Weg gehen.

Wer jetzt denkt, ich übertreibe, darf sich gerne vom Gegenteil überzeugen: 

griesgram

Trotzdem bin ich gewillt gewesen, ein Foto von Lis in ihrem Mäntelchen zu machen. Wir ziehen es zur Zeit häufig genug an und es muss doch möglich sein, ein nettes Foto von ihr zu bekommen. Ich bewaffnete mich also nach dem Anziehen mit Käsewürfeln (Lis Leibspeise) in der Hoffnung, dafür eine schöne Pose von ihr zu bekommen. Ja, mich hat der Wahnsinn gepackt! Ich habe in diesem Moment der Schwäche auf der Jagd nach dem perfekten Foto einfach verdrängt, welche Reaktion Käsewürfel auslösen!

So stand ich nun zwischen Küche und Hausflur. Käsewürfel in der Hand. Angezogen mit Jacke, dicken Schuhen. Charlie mit Leuchthalsband und Leine. Lis mit Mantel, Leuchthalsband und Leine. Denn wir wollten ja Spazieren und Fotos machen. Und dann brach Panik aus. Beiden Hunden war unklar, warum die Käsewürfel nicht im Kong oder im Futterbeutel sind, sondern in meiner Hand. Es musste etwas besonders aufregendes passieren! Sie schauten sich kurz an, stupsten einander mit der Nase an und entschieden, die Thematik sofort im Hausflur zu lösen! Charlie wählte die Variante „Ich freue mich, wedele und hüpfe.“, Lis die Variante „Ich spule alle Tricks ab, einer wird schon gefordert sein.“

Charlie hüpfte also auf und ab, während Lis sich zuerst im Kreis drehte, dann winkte, bellte und im Anschluss versuchte, eine „Acht“ um meine Beine zu laufen. Zum Glück hatte sich Charlie vorher in ihrer Leine verwickelt, so dass sie kurz vor meinem linken Bein ausgebremst wurde und mich nicht mit der Leine umwickeln und zu Fall bringen konnte.

In ihrer „Acht“ gebremst, drehte sich Lis zu Charlie um und trieb ihn ein Stück zurück, um ihre Leine zu befreien. Das war von Erfolg gekrönt und verschaffte mir ein Stückchen mehr Platz im Hausflur. Ich balancierte übrigens immer noch den Käse in der Hand, in der anderen das Mobiltelefon. Ich wollte ja den richtigen Augenblick nicht verpassen und schnell ein Bild schießen.

Ich gestehe: Mit „richtigem“ Management wäre das nicht passiert. Ich hätte den Hunden ein Ruhekommando geben können. Ich hätte den Käse heimlich einstecken können. (Hätte eh nicht geklappt!) Aber erstens habe ich darüber vorher nicht nachgedacht und zweitens ist das so unterhaltsam, wenn die beiden in einen Ich-will-das-sofort-haben-und-fressen-Rausch geraten! Das passiert sonst nur, wenn ich ihnen Sprotten anbiete. Charlie ist ja eher der zurückhaltende Fresser (Charlie frisst nicht, er speist) und es passiert selten, dass er aufgrund der Aussicht auf etwas Leckeres die Fassung verliert. Und wenn er sich dann von Lis anstecken lässt, die für ein gutes Stück Käse oder Fisch Salti schlagen würde, ist das ein urkomisches Chaos! Zwei vollkommen aufgeregte Hunde, die sich benehmen, als hätte es seit Wochen – ach Monaten! – nichts mehr zu Futtern gegeben und absolut distanzlos um mich herum turnen. Ich mittendrin, durch den Wintermantel in meinen Bewegungen leicht eingeschränkt (Michelin lässt grüßen!) und beide Hände voll.

Ich entschied mich, dem Chaos Einhalt zu gebieten und sagte „Sitz.“. Charlie reagierte sofort. Setzte sich. Wedelte dabei und bekam diesen Ausdruck, als wolle er sagen, welch toller Musterschüler er ist. Lis hatte natürlich nichts gehört. Sah aber, dass Charlie sich setzte. Setzte sich ebenfalls. Wackelte hektisch mit dem Kopf. Grummelte. Ich stopfte schnell jeweils ein Stück Käse in die Hundeschnauzen, steckte den restlichen Käse unverpackt in meine Manteltasche und griff nach den Leinen. Logistische Meisterleistung!

Dann sortierte ich mich ein wenig, schaltete endlich mal die Kamera am Mobiltelefon ein und ging, so gut es eben mit einem Steppmantel geht, in die Hocke. Mist. In der Haltung kam ich nicht mehr an den Käse in der Jackentasche. Also wieder hoch. Die Hunde waren mittlerweile auch wieder aufgestanden. Käse aus der Tasche, zurück in die Hocke, Käse hochhalten, Auslöser drücken. Yeah! Ein Foto, auf dem Lis nicht den Kopf wegdreht. Dafür ist Charlie abgeschnitten:
2

Dann gingen wir endlich nach draußen in den Hof, wo ich versuchte, ohne Käse noch ein paar Fotos von Lis zu machen. Und man sieht den Unterschied deutlich! Halte ich ihr keinen Käse neben die Kamera, schaut sie weg. Ich nehme an, sie arbeitet nicht mehr ohne Gage.

3

4

Von weiteren Fotos auf der Runde habe ich dann abgesehen, es war auch schon zu dunkel um ohne Lichtquelle zu fotografieren. Nicht wirklich angenehm war es übrigens, als ich während des Laufens irgendwann gedankenverloren in meine Tasche griff und in fettige, warme Käsewürfel geriet. Ich entschied mich, diese ohne besonderen Grund und ohne weiteres Aufhebens umgehend in zwei Lakritzschnuten zu stopfen. Die hielten mich zwar für vollkommen verrückt, haben aber bestimmt mit dieser Stelle des Wegs nun eine unfassbar positive Verknüpfung!

Advertisements

11 Gedanken zu “Von Mäntelchen, Fotos und Käsewürfeln

  1. Hahahaha, ich beömmel mich hier!
    Wenn ich gewusst hätte, dass mein Wunsch nach einem Foto derartigen Aufwand hervorruft…
    Man sieht aber wirklich deutlich den Unterschied bei Lis: Ohren oben, wache Augen vs. „Pfff“-Körperhaltung 😀
    Sieht aber sehr schick aus, das Mäntelchen 😉

    Gefällt 1 Person

  2. „Lakritzschnuten“ – was für ein wunderbares Wort! Unser kleiner Herr Sonntag bekommt demnächst eine knallgelbe Sicherheitsweste, denn mit seinem braungemusterten Fell geht er in der Dämmerung total unter und hier treiben sich zu viele dieser greisen Perverslinge (aka Jäger) herum.Als halber Windhund hat er auch kein Unterfell, so dass wir über eine warme Jacke für ihn nachdenken…

    Gefällt 1 Person

    • Ich tat mich anfangs auch schwer, einen (Straßen-)Hund in ein Mäntelchen zu packen. Aber wenn die erste Hemmung überwunden ist, sind die Vorteile nicht von der Hand zu weisen. Wichtig scheint mit, dass es richtig passt. Wir haben bestimmt fünf verschiedene Varianten bei uns im Fachhandel anprobiert. 😀 Und falls Du dann ein Foto von Herrn Sonntag veröffentlichst, freue ich mich sehr! 😉

      Gefällt mir

  3. Wahrscheinlich hat Lis die Marlene Dietrich Biografie gelesen und weiß, dass als echte Diva nur Fotos aus jungen Jahren an die Öffentlichkeit gehören. 😉
    Wir haben hier auch ein Mäntelchen in tarngrün. Aber ich gestehe, Paula ist der dritte Hund, der es bei uns trägt. Auf Passgenauigkeit habe ich bisher nicht geachtet. Bei uns ist es die Variante für kranke Hunde, die ihre Körpertemperatur nicht mehr halten können. Dieser Mantel ist bei mir daher nicht gerade positiv verknüpft, sondern liegt hier im selben Schrank bereit, in dem sich Kragen, Pfotenschutz und Beinstabilisatoren befinden. Vielleicht sollte ich mich zukünftig mal mit Käse belohnen, wenn ein Hund den Mantel trägt. Denn für Käsewürfel springe ich auch durch brennende Reifen.

    Gefällt 1 Person

    • Da ich sehr geübt und auch geschickt im Umgang mit Käsewürfeln bin, würde ich mich anbieten, Dich entsprechend zu konditionieren. 😂
      Lis kommt bei nasskaltem Wetter einfach besser zurecht, wenn sie nicht auskühlt. Damit fällt sie für mich noch nicht in die Kategorie „krank“, ich rede es mir als Alterserscheinung schön. 😉

      Gefällt 1 Person

      • Das ist auch so. Bei Paula ja auch. Einzig ihre beiden Vorträger waren zu jung, als sie so krank wurden, dass der Mantel Pflicht wurde.
        Und auf deine Stephie-Konditionierung freue ich mich. Einzige Bedingung: Keine Hunde dabei. Da ich mit dem Mund schlecht fange, würde ich wohl schnell aggressiv auf die Abstauber reagieren. Es geht schließlich um Käse! Paula als Mantelträger ist die Ausnahme. Da sie nicht mehr sehen kann und körperlich eingeschränkt ist, habe ich vielleicht eine Chance.

        Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Talentfreie Zone! | dreipunktecharlie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s