Brett auf Kniehöhe

Charlie kennt unsere Standard-Abendrunde blind. Er läuft frei, ich schnalze ihm meine Position zu und wir kommen gut zurecht. Und dann hat ein städtischer Landschaftsgärtner oder Hobby-Hindernis-Bauer zugeschlagen: Da stehen auf einmal kniehohe Lattenzäune herum!

Wir gehen abends meistens einen Weg, der parallel zu einem Fluss verläuft. Rechts vom Weg in unsere Laufrichtung befindet sich der Fluss, vom Weg getrennt durch eine abfallende Böschung. In dieser stehen hohes Gras und Büsche, perfekt für Charlie, der seine Geschäfte gerne fernab von Publikum erledigt. Er biegt dann irgendwann ab, stattet der Böschung einen Besuch ab und kommt dann zurück auf den Weg. Er kennt alle Zugänge und weiß genau, wo eine Lücke zwischen Bäumen und Sträuchern ist.

Diese Lücken existieren so nicht mehr. Lauter kleine Lattenzäune erschweren dem blinden Hund den Zugang.

Als wir diese Zäune entdeckten, war es natürlich dunkel. Sandra ohne Taschenlampe unterwegs, Charlie blind wie immer. Er will also in die Böschung abbiegen und rennt mit den Vorderbeinen voll vor die Latte! Irritiertes Schütteln. Zaghafter zweiter Versuch. Das Holzding bleibt stur stehen. Also ab zum nächsten Abgang. Peng! Holz im Weg. Ich erkenne mittlerweile das Problem und begebe mich auf die Suche nach einem potentiellen Zugang.

Charlie wird langsam nervös. Es ist sein angestammtes Recht, in diese Böschung zu gehen. Und das wird ihm verwehrt! Er versucht sein Glück durch einen Strauch hindurch. Das piekst und scheint auch keine Lösung zu sein.

Es sieht wirklich lustig aus, wie er den Weg weiterläuft und alle 1 bis 2 Meter versucht, einen freien Zugang zu finden.

Ich bin erfolgreich und finde eine Stelle, an der der Zaun zu kurz geraten ist. Glücklicher Weise haben wir „Pipi“ als Universalkommando für alle Geschäfte etabliert. Ich sehe mich also in der Lage, vor der Lücke zu stehen, Charlie zu mir zu rufen und freudig zu verkünden: „Geh hier Pipi!“

Mit Erleichterung im Gesicht nimmt Charlie den Abgang. Ich warte dort brav auf ihn und schnalze ihm den Weg, denn er bewegt sich in der Böschung und es wäre wenig zuträglich, wenn er auf dem Rückweg wieder gegen eine Latte läuft.

Er findet nach erfolgreicher Mission dann ohne Probleme zu mir zurück und mit stolzgeschwellter Brust lobe ich ihn für sein perfektes Verständnis meines total peinlichen Universalkommandos.

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9 Gedanken zu “Brett auf Kniehöhe

  1. Vor wenigen Stunden kam hier im Büro aufgrund eines Kundennamens die Diskussion auf, wie man das nennt. Wir kamen auf: „Lulu machen“, „Strullern“, „ein Bächlein hinterlassen“, „strunzen“ und „seichen“.
    Wir waren uns aber einig, dass „Pipi machen“ am besten klingt 😀

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      • Er hatte einen entsprechenden Nachnamen. Mehr darf ich aus Datenschutzgründen nicht verraten 😉
        Ich suche ja selbst noch nach geeigneten Kandidaten, die mich von meinem eigenen blöden Nachnamen befreien 😀
        Ich geh jetzt Pipi machen…

        Gefällt 1 Person

  2. Frechheit, mein WordPress Reader unterschlägt mir diesen Beitrag.
    Ich hätte das gerne gesehen. Wie ihr beiden verzweifelt den Weg aus dem Bretterlabyrinth sucht.
    Und was soll das bloß sein? So eine häßliche Lattenverkleidung können die doch nicht ernst meinen. Blühen dahinter fragile Schneeorchideen?
    Ich würde mal eine Schadensersatzklage in Charlies Namen einreichen. Einschränkung der gewohnheitsrechtlichen Freiheit, Körperverletzung und seelische Grausamkeit. Da sollten doch ein paar Käsewürfel als Schadensersatz bei rausspringen.

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  3. Da seh ich doch jetzt erst das Lattenlabyrinth… Armer Charlie. Wie kann man nur solche hässlichen Bretter in die Landschaft stellen. Da fällt man doch im Dunklen drüber.

    Übrigens, bei mir heißt es „Mach Pissi“, das lässt sich besser mit Bonbons im Mund sagen. Bei Pipi hab ich immer das Gutsle weggespuckt.

    Flauschige Grüße
    Sandra & Shiva

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Blind in Bewegung | dreipunktecharlie

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