2 Jahre

Am 15.11.2014 holte ich Charlie ab. Eine damals wohlüberlegte Entscheidung. Dachte ich. Lis ein Hund höheren Alters, zwei Kreuzbandrisse hinter sich, Arthrose-geplagt und nicht mehr ganz fit. Ich wollte unbedingt einen Zweithund, den sie noch ein wenig mit-erziehen kann und der mich tröstet, wenn sie mal nicht mehr ist. Ein sehr egoistischer Gedanke für den ein oder anderen, für mich ein wichtiger Schritt. Charlie war jung, nicht so traumatisiert wie Lis, als sie aus Rumänien kam, sozialverträglich und gesund. Ein wenig schüchtern (okay, sehr schüchtern!) und zurückhaltend, aber freundlich und aufgeschlossen.

Und ich war hochmotiviert. Führte vom ersten Tag an ein Trainingstagebuch, schrieb meine Beobachtungen aus dem Kennenlernen in der Pflegefamilie auf. „Keine Kenntnisse Grundgehorsam. Orientiert sich stark an vorhandenen Hunden.“ Und „Im Beisein von Lis lässt er sich überall anfassen, zeigt keinerlei Aggression, scheint empfindsam und zugänglich.“

Sehr schön auch, dass ich nachlesen kann, dass Lis ihm beigebracht hat, die Treppe in unserem Haus zu gehen. Das wärmt mir heute noch das Herz. Charlie war bei der Besichtigung seines neuen Zuhauses sehr unsicher und als er vor der Treppe scheute, habe ich Lis voraus geschickt und er lief ihr ohne zu Zögern hinterher. Lis war und ist sein Leittier! Was sie schafft und macht, schafft er auch.

Freudvolle Erinnerungen: „Die erste Nacht hat er durchgeschlafen, wird um 6.35 wach und geht in Richtung Türe. Er darf in den Garten.“

november2014

Es folgen seitenlange Analysen, Beobachtungen, Beschreibungen des Trainings, vieler Fortschritte (vor allem beim Autofahren) und einiger Erfolge. Ich freue mich, dass ich aufgeschrieben habe, als er das erste Mal bei mir Schutz suchte, als ein fremder Hund ihn im Freilauf anrüpelte. Ich kann die komplette erste Phase nachvollziehen und mich immer wieder daran erfreuen.

Und dann folgt der Bruch. Als ein gutes Jahr später klar war, dass er an PRA (Progressiver Retina Atrophie) leidet, verschlägt es mir erstmal die Sprache. Ich schreibe nicht mehr. Am 12.01.2015 entscheide ich, einen Blog zu schreiben. Ich habe das ganze verdammte Internet nach Hunden mit PRA abgesucht, jemanden gesucht, der mir mitteilt, dass alles nicht so schlimm ist. Das die Dunkelheit für den Hund erträglich ist, seine Lebensfreude erhalten bleibt.

Ein Jahr lang hatten Charlie, Lis und ich gearbeitet. An Charlies Verhalten, seinem Selbstbewusstsein. Ich war stolz wie Bolle, dass er aufrechter ging, größer erschien, mutiger war und vor Freude nur so strotzte! Er war von einem schüchternen Kerlchen zu einem Pausenclown geworden, der jede wache Minute genoss. Menschen und Hunde liebt, immer voll dabei ist und für mich ein Traum von einem Hund.

Und dieser Traum erblindete nun. Nachtblind und wieder unsicher. Unfassbar. Doch dann erwachte mein Kampfgeist! Von so etwas lassen wir uns nicht unterkriegen. Mit Hilfe einer Tierheilpraktikerin (alternativetiermedizinoberberg.com) stärkten wir sein Selbstbewusstsein, ich erstellte einen neuen Trainingsplan mit Kommandos, die mir für einen blinden Hund sinnvoll erschienen. Und schrieb. Wenn es schon niemanden „da draußen“ gibt, der seine Erfahrungen mit mir teilt, dann mache ich das eben. Ich hege bis heute die Hoffnung, dass mal ein Hundebesitzer PRA googelt und unseren Blog findet. Liest und feststellt: Der Hund ist trotzdem lebensfroh. Und macht alles, was andere Hunde so machen. Keine oder nur wenige Einschränkungen. Und viel zu lachen! Vielleicht kann ich den Mut machen, der mir in den ersten Tagen und Wochen nach der Diagnose gefehlt hat.

Ich erinnere noch, wie ich den Tierschutzverein informierte, von dem ich Charlie habe. Mehrfach darum bat, den Kontakt zu seiner Schwester herzustellen, die auch nach Deutschland gekommen war. Ich wollte ihre Halter frühzeitig informieren, damit auch sie reagieren konnten. PRA ist ein Gendefekt, seine Schwester muss diesen auch haben. Leider habe ich nie erfahren, ob die Halter seinen Schwester informiert wurden. Ich hoffe es. (Falls sie jemand kennt: Ich würde gerne wissen, wie es ihr ergangen ist.)

Zwei Jahre. Wir haben gelacht, geweint, getobt, gekuschelt. Lis lebt immer noch, ist heute fast fitter als vor Charlies Einzug. Habe ich halt dauerhaft zwei Hunde. Unser Leben hat sich in vielen Dinge geändert, wir waren viel unterwegs, haben viel erlebt und gelebt. Wir sind ein eingespieltes Team, der Blinde, die Taube und ich. Wir machen es uns schön, regieren das Chaos und lachen. Wir haben ein tolles Umfeld (Danke an Euch alle!), das uns unterstützt. Und wir kommen klar. Mal nicht so gut, mal wirklich gut.

Zwei Jahre, von denen ich keine Sekunde missen möchte. Auch nicht die schlechten. Denn die haben dazu geführt, dass Charlie eine noch engere Bindung zu mir hat. Vieles ist anders gekommen als geplant, so durchdacht, wie ich glaubte, war meine Entscheidung für ihn nicht. Denn eine PRA hatte ich zu keinem Zeitpunkt in Betracht gezogen. Alle Planungen waren fehlerhaft, denn so etwas kann man nicht planen. Eine Lektion, die mir als Kontroll-Freak vielleicht auch ganz gut getan hat. Eine Zeit in der wir gelernt haben, dass man mit Liebe, Vertrauen und etwas Optimismus alles schaffen kann. Ja, es ist „nur“ ein blinder Hund, aber es war anfangs eine Herausforderung, ihn in mein Leben zu integrieren und das ist es bis heute manchmal.

 

Advertisements

15 Gedanken zu “2 Jahre

  1. Wenn ich mir Charlie so angucke, dann bin ich überzeugt, dass es nicht nur für dich die richtige Entscheidung war, ihn in dein Leben zu holen. Für ihn war es 100% die richtige Entscheidung sein Leben künftig mit dir verbringen zu wollen. Und… Lebensfreude muss nicht sehen, aber man kann sie sehen. 😉

    Flauschige Grüße
    Sandra & Shiva

    Gefällt 2 Personen

  2. Och, schön 🙂
    Interessant finde ich, dass Charlie die Ohren damals unten hatte und jetzt sind sie oben. Ich dachte immer, Hunde können das gar nicht steuern?

    Und wie heißt es so schön? „Leben ist, was passiert, während man dabei ist, andere Pläne zu schmieden…“ 🙂

    Gefällt 2 Personen

  3. Liebe Sandra,
    ihr seid ein tolles Team. Und ich bin mir sicher: Wer auch immer da draußen Zuspruch benötigt, er wird Dich und damit den benötigten Zuspruch finden.
    Und hoffentlich wird etwas von Deinem Kampfgeist und Deiner Einstellung abfärben.
    Ich bewundere Deinen Umgang mit dieser schwierigen Diagnose, Deine Offenheit, mit der Du darüber schreibst und Deinen Stil, der bei aller Ernsthaftigkeit mancher Themen immer auch ein Ventil des Lachens bietet.
    Noch ein Gutes hat Charlies Erkrankung: Du bist da „draußen“ und ich zum Beispiel konnte Dich finden.
    Herzliche Grüße und auf möglichst lange Zeit,
    Stephie mit Enki und Luna

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Stephie,
      Danke für Deinen lieben Kommentar! Ich finde es sehr spannend und interessant, durch das Bloggen Menschen und Hunde wie Euch kennen zu lernen! Schön, dass ich da „draußen“ nicht alleine bin und auf Gleichgesinnte treffe!
      Und erfahre, dass auch bei anderen nicht nur heile Welt herrscht! 😉

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s