Wir können auch anders

Am vergangenen Wochenende hatten wir viel Zeit für uns. Ich hatte keinerlei Pläne, keinen Besuch und auch sonst keine großen Unternehmungen vor. Da bei uns in den Höhenlagen noch Reste von Schnee zu finden sind und es zwar klirrend kalt, aber sonnig war, waren wir mehr als sonst draußen unterwegs. Lis meist im Mäntelchen, ich im dicksten Wintermantel und Charlie bester Laune. Obwohl er so dünn ist (Ja, er bekommt ausreichend gutes Futter!) friert er nicht, wahrscheinlich, weil er ständig in Bewegung ist. Ich kann mir an ihm sogar die Hände wärmen, wenn ich mal wieder meine Handschuhe vergessen habe.

So sind wir Samstag und Sonntag deutlich größere Runden gegangen, als wir es normalerweise tun und waren Sonntag sogar zwei Stunden am Stück unterwegs. Ich bin stolz auf Lis, dass sie mithalten konnte. Aber auch sie genoß die Sonne und ließ sich von Charlies guter Laune anstecken, so dass sie ausnahmsweise mal nicht grummelig war. Und damit fing alles an…

Auf normalen Spaziergängen, wie sie bei uns mehrmals täglich stattfinden, gehen wir wie folgt vor: Wenn es möglich ist, laufen beide Hunde frei. Begegnen uns Menschen, rufe ich sie ran, sie machen „sitz“ und wir lassen die Menschen passieren. Menschen umfasst in diesem Falle auch Radfahrer. 😉 Auch wenn diese Hundehaltern gegenüber manchmal etwas mehr Menschlichkeit zeigen könnten. Charlie findet das doof und zappelt sitzend herum. Versucht mit der Nase und den Ohren zu erfassen, was auf uns zukommt. Lis setzt sich nur widerwillig hin, entweder ist der Boden zu nass, zu kalt oder einfach zu ungemütlich. Sind die Menschen zu langsam, brummelt sie schon mal. Sind die Menschen so dreist, uns anzusprechen (Ein „Guten Tag!“ reicht.) dann knurrt Lis sehr vernehmlich. Das fällt dann auf Charlie zurück, es ist doch logisch, dass der große schwarze Hund knurrt und nicht der niedliche kleine. Charlie zappelt, Lis knurrt und ich werde unleidlich. Die Leute sollen endlich weitergehen!

Treffen wir angeleinte Hunde, leine ich selbstverständlich an. Fixiert uns der Hund, pöbelt Lis. Sie lässt sich nicht einschüchtern! Lässt er uns in Ruhe, geht Lis erhobenen Hauptes an ihm vorbei, als würde ihr ihr Ruf voraus eilen, dass sie eine Kampfsau ist. Ignoranz kann Charlie aber nicht leiden. Sobald er keinen Kontakt aufnehmen darf, wird er unruhig, zappelt und im schlimmsten Fall fängt er an, jaulend zu bellen. So als wolle er sagen: „Nie darf ich zu anderen Hunden. Immer muss ich an der Leine bleiben. Ich bin der ärmste Hund der Welt.“

Egal wie ich es anstelle, einer von Beiden hat immer etwas zu meckern. Ich versuche also, angeleinte Begegnungen so oft es geht zu umgehen.

Samstag trafen wir eine Gruppe von Hundehaltern, die alle angeleint hatten und wie eine Perlenkette aufgereiht am Wegesrand stehen blieben, als sie uns sahen. Alle Hunde mussten sitzen, sehr nett und vorbildlich. Hatte den Nachteil: Ich musste in der Bewegung mit Charlie und Lis an ihnen vorbei. Also grüßte ich nett und rief: „Oha, daran kommen wir niemals ohne Theater vorbei!“. Ich führte Charlie und Lis auf der anderen Seite des Weges, damit ich zwischen ihnen und der Gruppe war. In meinem Kopf war klar, einer von beiden würde rumpöbeln. Bereitete mich vor. Machten den Rücken gerade. Passierte die Gruppe. Und dann ging es los! Wildes Gebell, Gezeter und in-die-Leine-springen. Aber nicht bei uns! Sondern bei zwei Hunden aus der Gruppe. Meinen kleinen Stinker blieben brav und gingen an der Gruppe vorbei, als wäre sie nicht existent. Unglaublich. Das habe ich noch nie erlebt. Ich war sprachlos vor Erstaunen. Der Rest der Runde war ebenfalls entspannt, aber es passierte nichts nennenswertes mehr. Wir tobten herum und hatten Spaß.

Sonntag sind wir um den Lüderich gelaufen, das ist ein Hügel hier bei uns in der Gegend. Normalerweise ist es dort einsam und man kann stundenlang laufen, ohne jemanden zu treffen. Ich unterschätze aber offensichtlich, dass viele Leute bei Sonne gerne im Schnee laufen und man dazu auf Hügel oder Berge muss. Es war folglich leider nahezu voll auf unserer Runde. Mehrere Jogger, viele Spaziergänger, Stockenten (Nordic-Walker) und andere Hunde. Bäh! Ich gehe extra diese Runde, um eben niemanden zu treffen. Es fing schon an, als wir aus dem Auto stiegen: Mann mit Hund. Und der Mann hatte offensichtlich einen so tiefen-entspannten Hund, dass er es für richtig hielt, diesen direkt an unseren geöffneten Kofferraum zu lassen. Obwohl die Straße an dieser Stelle gute 3 Autos breit ist. Ich hätte kotzen können. Charlie versucht in solchen Momenten an mir vorbei zu springen, um zu dem Hund zu kommen. Könnte ja ein neuer Kumpel werden. Und die territoriale Lis verteidigt den Kofferraum wie Zerberus persönlich und kläfft und knurrt mit aller Kraft. Ich stehe dann vor dem Kofferraum, mache mich breit und setze das Kommando „Bleib!“ am Rande der Verzweiflung durch. Doch nicht am Sonntag. Lis blieb ruhig, gab keinen Ton von sich. Charlie zappelte, blieb aber sitzen. Als hätte ich ihnen Drogen gegeben! Beschwingt von diesem Erfolg ging es in den Wald. Beide Hunde ohne Leine, Charlie vorneweg, ich in der Mitte, Lis trödelig hinten an. Auf der Runde habe ich die Beiden mindestens zehn mal sitzen lassen müssen, weil wir Menschen begegnet sind. Und es war wie ein verspätetes Weihnachtswunder: Jedes Mal blieb Lis ruhig, weder knurrte noch brummelte sie. Und Charlie saß wie ein Musterschüler nahezu bewegungslos im Sitz und wartete brav ab. Und als wäre das nicht Glück genug, sind wir dreimal angesprochen worden! Einmal von einer Frau, die alleine unterwegs war und lobte, wie brav die Beiden seien. Ob wir in die Hundeschule gingen? (Machen wir nicht.) Und die beiden anderen Male von einem älteren Paar, die unsere Runde genau anders herum gingen und die wir am Anfang und am Ende trafen. Erst grüßten die Beiden und bedankten sich, dass wir sie passieren ließen. Beim zweiten Mal blieb die Frau stehen und sprach uns an. Im Normalfall rastet Lis spätestens jetzt aus! Sie mag es nicht, wenn Leute vor ihr stehen bleiben, ihr den Weg versperren, sich von oben über sie beugen und auch noch reden. Aber nicht am Sonntag! Die Frau sprach uns also an: „Mit denen können sie aber im Zirkus auftreten. Die sind ja so gut erzogen. Bekommen die jetzt ein Leckerchen?“ Ich antwortete brav: „Dankeschön! Nein, die bekommen keine Leckerchen. Dafür spielen wir gleich, wenn sie weitergegangen sind ein wenig.“ Die Frau hakte nach: „Warum müssen die denn sitzen?“ Ich versuchte zu erklären, dass ich vermeiden möchte, dass sich Leute von uns belästigt fühlen oder ähnliches. Ich gehe immer davon aus, dass es sich für jemanden, der keine Hunde mag, komisch anfühlt, wenn ein großer schwarzer Hund auf ihn zuläuft. Die Frau war sehr angetan und wir verabschiedeten uns freundlich.

Das ist nun ein paar Tage her und ich kann es immer noch kaum glauben. Wir drei können tatsächlich anders! Keine Ahnung, ob es daran lag, dass das Wochenende so entspannt war. Oder die Sonne schien. Oder der Mond günstig stand.

Übrigens hat sich das Montags schon wieder relativiert, auf der Morgenrunde hat Lis wie gehabt ihren liebsten Feind angepöbelt. Und heute morgen hat Charlie einen Berner-Sennen-Rüden angejault, weil er nicht zu ihm durfte.  Aber so sind wir nunmal und es kann nicht jeden Tag Sonntag sein.

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5 Gedanken zu “Wir können auch anders

  1. Was für eine schön geschriebene, amüsante Geschichte! Aber ich kann verstehen, wie anstrengend und nervig solche Situationen sind. Gut, dass es am Sonntag so toll bei euch geklappt hat.
    Wenn ich meinen Hund, der bei Gegenverkehr auch angeleint wird, brav neben mir sitzen lasse, werde ich oft doof angeguckt. Einmal hat mich sogar ein Mann gefragt, ob er sonst gebissen werden würde.
    Liebe Grüße Carolin

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  2. Hihi, so hat halt jeder seine Persönlichkeit. Sonst wär’s ja auch langweilig 🙂

    Das sechste Bild, wo Charlie sitzt und so süß guggt, finde ich übrigens am schönsten.

    Ich kannte mal einen Hund, der sich auch nicht gern bei Regen/Schnee hinsetzte. Klassischer Straßen-Punk-Hund, d.h. dem ist anerzogen worden, ohne Leine bei jeder Straßeneinfahrt (und das sind in der Großstadt viele…) artig auf dem Bürgersteig sitzenzubleiben und zu warten, bis Herrchen sagt „Los, rüber“. Wenn es geregnet hatte, „schwebte“ dieser Hund 2cm über dem nassen Gehweg in einer gespielten Sitzposition. Super gemacht, Befehl ausgeführt und Po trotzdem nicht nass. 😀

    Ich gebe zu, ich finde es auch kurz beängstigend, wenn (fremde) Hunde auf mich zufliegen, denn ich weiß ja nie, ob sie nur guggen/schnüffeln kommen oder mir gleich begrüßungslos das Bein abbeißen 😀

    Gefällt 1 Person

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