Prinzip Hoffnung

Lis war zu einer Nachuntersuchung beim Tierarzt. Seit letzter Woche hoffen wir, dass der „Knubbel“ am Kiefer eine Entzündung ist und durch Antibiotika besser wird, leider vergeblich. Nicht nur mein Eindruck, sondern auch der unseres Tierarztes ist, dass sich nichts verändert hat. Zumindest nicht an diesem „Ding“. 

Die Besuche in der Praxis sind wirklich immer angenehm, da können wir uns – mit Ausnahme von Lis – nicht beschweren. Wir kamen kurz vor Sprechzeiten-Ende und waren die einzigen Patienten. Charlie freute sich schon auf dem Parkplatz, er liebt Frank und sein Team. Lis weigerte sich, aus dem Kofferraum auszusteigen. „Nein, da gehe ich nicht hin.“ Also führten wir eine kurze Diskussion, ich weigere mich, diesen Hund in die Praxis zu tragen. Wer immer eine große Klappe hat, kann auch auf den eigenen Pfoten zum Tierarzt gehen. Sie folgte widerwillig und mit entsprechend entrüstetem Gesichtsausdruck.

Wahrscheinlich ein lustiges Bild: Auf der einen Seite Charlie, mit dem ganzen Körper wedelnd, auf der anderen Seite Lis, griesgrämig, geneigter Kopf, gesenkte Rute und leidvoller Blick.

Wir durften sofort ins Behandlungszimmer durchlaufen, Charlie musste sich auf die Seite setzen, Lis hob ich auf den Behandlungstisch. Die Helferin begrüßte Charlie umgehend und streichelte ihn, woraufhin er aufstand. Ich gab ihm erneut ein Sitz-Kommando, was von unserem Tierarzt Frank mit „Ach, lass ihn doch laufen!“ quittiert wurde. Die Helferin nahm ihm die Leine ab und Charlie erkundete umgehend nicht nur unseren Behandlungsraum, sondern auch den angrenzenden. Dort traf er auf die nächste Helferin, die sich wahnsinnig freute, ihn zu sehen. Charlie wedelte leidenschaftlich und bekam natürlich sofort Leckerchen. Unfassbar, dieser Hund fühlt sich überall wohl und schließt mit jedem Freundschaft!

Lis hingegen drückte sich auf dem Tisch stehend mit der ganzen Breitseite an meinen Bauch. Selten, dass sie Körperkontakt zur Beruhigung sucht. Ich besprach mit Frank meinen Eindruck und den Wunsch, dass ich keine OP durchführen lassen möchte. Außerdem besprachen wir, ob ein Ultraschall Sinn machen würde. (Stephie, macht es leider nicht, da der „Knubbel“ hartes Material und kein weiches Gewebe ist.) Dann tastete Frank den Kiefer ab und bestätigte, dass keine Veränderung stattgefunden habe. Er kontrollierte nochmals alle Zähne, ob vielleicht ein Backenzahn Schuld sein könnte, aber leider auch ohne Erfolg. Er klopfte alle Zähne ab, um zu prüfen, ob sie eine Schmerzreaktion zeigt, was auf eine Entzündung hinweisen könnte.

Lustig war: Frank wollte gerne mit eigenen Augen sehen, dass sie normal kaut. Lis nimmt aber so gut wie nie Leckerchen in der Praxis. Ich nehme an, sie hat Angst, dass wir ihr eine Betäubung damit verabreichen. Da Charlie aber die ganze Zeit genüßlich futterte und bester Dinge war, konnte ich auf den Fressneid setzen! Ich rief Charlie, ließ ihn zu Lis auf den Tisch hüpfen und Frank fütterte ihn mit großen Trockenfutterbrocken. Das ließ Lis sich nicht bieten! Sie meldete bei Frank Bedarf an und fing gierig an zu kauen. Schob den Brocken kauend von rechts nach links und bewies, dass der Kiefer auf beiden Seiten gut belastbar ist und sie keine Schmerzen beim Zubeissen hat.

Was nun? Es bleiben eine OP oder mindestens ein MRT unter Narkose. Doch wozu? Nur, damit ich weiß, ob es gut- oder bösartig ist? Fakt ist, die OP ist für mich in weite Ferne gerückt. Lis ist schmerzfrei und hat keine Beeinträchtigungen. Soll ich sie am Unterkiefer operieren lassen, nur um zu erfahren, welcher Natur diese Veränderung am Knochen ist? Sie hätte nach der OP Schmerzen, könnte nicht richtig fressen und trinken und die Stelle verspricht eine langwierige Wundheilung. Das erspare ich ihr!

Wir haben heute beschlossen, die Veränderung am Kiefer zu beobachten und regelmäßig bei Frank kontrollieren zu lassen. Und nur wenn es eine dramatische Verschlechterung gibt, werden wir neu überlegen, was wir tun. Stand heute verlassen wir uns auf das Prinzip Hoffnung. Frank meinte, dass sie damit noch ein paar Monate bis ein paar Jahre leben könne, je nachdem, ob es gut- oder bösartig ist. Das wisse man aber ja nicht, da wir „nicht reingucken“. Also, ich setze frech voraus, dass wir noch Jahre haben und die werden wir in vollen Zügen genießen!

Damit Lis unbeschwert genießen kann, habe ich ihr heute nochmal Kortison spritzen lassen, sie hat eine altersgemäße Arthrose und die Spritze letzte Woche bewirkte eine deutlich bessere Motorik, sie lief irgendwie befreiter. Generell ist Frank aber kein Freund von langfristiger Gabe von Kortison. Er hat mich dann noch recht lange über ein Schmerzmittel mit Depotwirkung aufgeklärt, das ich Lis in Tablettenform geben kann. Anfangs gibt man eine Tablette alle zwei Wochen, später nur noch einmal im Monat. Er hat damit bei seinen Arthrose-Patienten gute Erfahrungen gemacht. Auch wir werden Ende nächster Woche damit anfangen und schauen, ob es Lis Erleichterung verschafft. Falls nicht, weichen wir auf ein Schmerzmittel aus, das ich bereits von einem meiner früheren Hunde kenne, dieses wird allerdings täglich verabreicht.

Wir haben uns also darauf geeinigt oder ich habe entschieden, dass wir auf Hoffnung bauen und Lis nicht unnötig belasten. Sie soll schmerzfrei und gut leben und die Zeit, die noch bleibt, genießen. Wie lange diese Zeit sein wird, wissen wir eben nicht. Das ist das Leben und das ist auch verdammt gut so!

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Heute mal ein Foto, auf dem sie aufgrund der Perspektive größer aussieht. Das hat sie verdient. 😉 Und sie ist mal im Vordergrund. Könnte sie es sehen, würde sich sich endlich richtig in Szene gesetzt fühlen.

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25 Gedanken zu “Prinzip Hoffnung

  1. Als unser Pufibärchen einen Husten hatte, der uns Sorge machte, hörte unser Tierarzt Lunge und Herz ab – alles normal. Unser Doc ist auch so ein ruhiger Typ wie eurer. „Wenn es mein Hund wäre, würde ich erstmal abwarten“, sagte er damals. das taten wir, und der Husten ist fast weg. Er riet uns auch von einer Kehlkopfspiegelung ab, weil das nur mit Narkose geht. Es ist ein großes Glück, einen guten TRierarzt zu haben, derTiere liebt und nicht unbedingt aufs Geld aus ist!
    Liebe Besserungsgrüße an Lis und einen fetten Knutscher an Charlie den YCharmeur! ❤

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  2. Also die Diskussion am Kofferraum hätte ich ja zu gerne verfolgt 😀

    Ich denke, die Entscheidung war richtig. Und genaugenommen ist es ja keine endgültige, denn sobald du eine Veränderung feststellst, kannst du dich jederzeit neu entscheiden. Wenn sie Schmerzen beim Kauen bekäme, könnte man eine OP riskieren, da sie ja quasi „eh“ Schmerzen hätte und die Schmerzen nach der OP dann auch nicht noch negativer wären. Abwarten 🙂

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  3. Ich hatte es ja schon geschrieben, dass ich es gut finde, dass Du eine Entscheidung getroffen hast. Denn die Unsicherheit macht die Sache nicht besser.

    Besonders schön ist es zu lesen, dass Ihr in tierärztlich so guten Händen seid. Es ist immer wichtig, dass alle Beteiligten gut behandelt werden und sich – so gut es eben geht – auch wohlfühlen.

    Wir haben hier in der Nähe eine Praxis, die von vielen Züchtern für bestimmte Untersuchungen genutzt wird. Man reist von sehr weit an. der Ton, der in der Praxis herrscht, hat mich so abgeschreckt, dass ich dort nicht hingehe. Ich habe einmal dort angerufen und wurde unfreundlich behandelt, Und Geschichten habe ich gehört, dass man beleidigt wird, wenn der Hund zu dick ist. Das ist bestimmt der erste Schritt des Umdenkens des betroffenen Hundehalters, dass der Hund abnimmt.

    Ich bin beim Tierarzt betroffener und besorgter Hundehalter und da habe ich schon sehr gerne das Gefühl, dass man mich und meinen Hund ernst nimmt und gut behandelt. Kompetenz und Empathie finde ich genauso wichtig, wie auch die Erkenntnis, nicht alles zu können und zu wissen und die Bereitschaft an kompetente Kollegen zu verweisen. So ist unser Tierarzt. Er hat Sockes Erkrankung so früh erkannt, dass man uns bei der Behandlung in der Tierklinik sagte, dass dies wirklich bemerkenswert sei. Viele Tierhalter fanden ihn nicht so gut, aber Socke hat er das Leben gerettet. Er verweist uns an Tierheilpraktiker, Tierphysiotherapeuten, Ernährungsberater und Spezialkliniken, wenn nötig. Er führt die Gespräche mit den Einrichtungen, übersendet notwendige Unterlagen. Und er mag Socke, begrüßt sie immer ganz lieb und versucht es ihr so leicht wie möglich zu machen…..

    Wir wünschen Euch alles erdenklich Gute…

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

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    • „Betroffen und besorgt“! Das trifft exakt meinen Gemütszustand. Danke, dass Du mir Worte dafür gegeben hast. 😉
      Ich glaube, wir beide haben ähnliche Ansprüche an einen TA und haben das Glück, jeweils einen verständigen gefunden zu haben.
      Wir drücken von hier aus Socke Daumen und Pfoten für die nächste Woche!
      Alles Liebe
      Sandra mit Charlie und Lis

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  4. Ich glaube dass war eine gute Entscheidung!
    Und solange sie schmerzfrei ist und noch Lust am Leben hat dann macht Euch die schönste Zeit, die man haben kann… Das sollte man eh jeden Tag machen 🙂
    Und ihr seid ja auch offensichtlich in guter medizinischer Hand. Das ist auch sehr viel Wert.
    Wir wünschen Euch noch gaaaaaaaaaaanz viele tolle Stunden zusammen und hoffen mit dass es noch gaaaaaaaaaanz lange so bleibt 🙂

    Viele liebe Grüße
    Steffi mit Ren & Stimpy

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  5. Pingback: Good Times | dreipunktecharlie

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