Gastbeitrag: Ein kleiner Hund im Himmel

Julia von miDoggy hatte die tolle Idee, Blogger untereinander zu vernetzen und so eine Grundlage für Gastbeiträge zu schaffen. Und wie der Zufall es will, haben Antonietta von CANEM und ich uns gefunden.  Antonietta ist Hundetrainerin und bloggt natürlich über Erziehungsthemen, einige Artikel beschäftigen sich auch mit Auslandshunden und deren Vermittlung und Integration in unser Leben, was für mich sehr spannend zu lesen ist. Charlie ist aus Ungarn und abgesehen von der PRA zeigte er nur wenige typische Probleme von Hunden aus dem Auslandstierschutz. Lis, die aus einer Tötungsstation in Rumänien stammt, brachte ein deutlich größeres Paket mit. 

Lis liess sich wochenlang nicht anfassen, hatte panische Angst vor Allem und war ein total verunsicherter Hund. Bis heute hat sie Angst vor fremden Männern, neigt zu einer Abwehr-Aggression und zuckt zusammen, wenn jemand mit einem Stock auf sie zu kommt. Ich habe lange mit ihr gearbeitet und auch nach über einem Jahrzehnt konnte ich nicht alle schlechten Erfahrungen „löschen“.

Was ich sowohl bei Charlie als auch bei Lis gelernt habe: Hunde aus dem Ausland haben oft kein Urvertrauen, binden sich nicht schnell an Menschen und kommen irgendwie gut alleine zurecht, zumindest die, die auf der Straße gelebt haben. Charlie und Lis waren bei mir sehr lange Zeit doppelt gesichert (Geschirr und Halsband), durften anfangs nur im eingezäunten Garten frei laufen und draußen gab es nur die Schleppleine. Erst als ich nach Monaten das Gefühl hatte, dass die Bindung passt, habe ich sie freilaufen lassen. Und das anfangs wirklich mit Bauchschmerzen. Bis heute bin ich so vorsichtig, dass ich sie an Silvester nicht freilaufen lasse, da ich Sorge habe, dass sie sich vor einem Knall erschrecken und weglaufen. Lis ist einmal geflüchtet, als sie von einem deutlich größeren Hund angegriffen wurde, sie rannte und rannte, bis sie am Ende des Felds ein Auto entdeckte, unter dem sie sich verkroch. Zu diesem Zeitpunkt war sie ungefährt ein Jahr bei mir und ich bin sicher, wäre das Auto nicht gewesen, wäre sie weiter gelaufen. Das war ein Schock, den ich nie vergessen werde..

Und nun kommen wir endlich zum Gastbeitrag, der sich passender Weise mit einem Hund aus dem Ausland beschäftigt, der seinen Haltern weglief und leider nicht so viel Glück hatte wie Lis und ich:

EIN KLEINER HUND IM HIMMEL

Ein kleiner Hund im Alter von fünf Monaten kommt nach Deutschland und ist fünf Tage später tot.

Für mich immer noch unfassbar und unglaublich traurig.

Ein kleiner Hund. Einen Tag hier und bei seinen neuen Besitzern. Windet sich beim ersten Gassi gehen aus dem Halsband und läuft weg. Fast eine ganze Woche lang wurde der kleine Hund gesucht, immer wieder gesichtet. Ein ängstliches kleines Häufchen Hund entgeht eine Woche lang jedem Zugriff. Eine Box mit ihrer Decke und leckerem Futter wurde aufgestellt. Sie war auch dort, wurde gesehen, aber es war trotzdem nicht möglich, sie wieder einzufangen, denn sie war mit nichts dazu zu bewegen, in die Box hinein zu gehen. Ihre Hundemama und ihr Hundegeschwisterchen waren im Einsatz – doch der kleine Hund hat alle gemieden!

Und dann, fünf Tage später, sieht mein Mann die Kleine am frühen Morgen in der Nähe unserer Haustür. Leider flüchtet sie sofort wieder. Da es sich um einen sehr ängstlichen Hund handelt, rät man in solchen Situationen davon ab, den Hund zu locken. Es sollen nur die Sichtungen gemeldet werden, damit man nachvollziehen kann, wo ungefähr sich der Hund aufhält. Also haben wir die Nummer angerufen, die in dem Bericht abgedruckt war. Es handelte sich um die Nummer der Pflegestelle. Einer Pflegestelle, die wir gut kennen, denn auch unser Hund kommt von dort. Wir haben vereinbart, für die kleine Hündin in unserem Garten eine Futterstelle einzurichten. Später wurde noch eine Spur mit ihrer Hundemama und ihrem Hundegeschwisterchen in unseren Garten gelegt und ihre Decke in unserem Garten platziert.

Doch es war alles vergebens, denn kurz darauf war sie tot. Überfahren auf einer Bundesstraße, die das Wohngebiet vom Wald trennt.

Und da man uns nicht mehr informiert hat, habe ich noch den ganzen restlichen Tag darauf gewartet, dass die Kleine vielleicht doch noch auftaucht, sich in unseren Garten leiten lässt. In Sicherheit ist. Zu spät. Am Abend habe ich dann im Internet gelesen, dass es vorbei ist, dass man sie geborgen hat. Ein kleiner Hund im Himmel.

Ich bin immer noch traurig und ich bin wütend. Immer noch. Doch wütend auf wen?

Und wer trägt Schuld daran?

Ach, ich weiß gar nicht, ob diese Frage so einfach zu beantworten ist. Aber ganz viel trägt dazu bei, dass nicht genügend Aufklärung betrieben wird. Schon die Pflegestellen haben oft nicht ausreichend Wissen über die Tiere, die sie bei sich aufnehmen. Es genügt einfach nicht, die Tiere aufzunehmen und weiterzuvermitteln. Und letztendlich kann eine unwissende Pflegestelle auch den neuen Halter nicht informieren. Doch genau das wäre hier so extrem wichtig.

Eine klitzekleine Information darüber, dass ein ängstlicher Hund besser ein Sicherheitsgeschirr trägt. Sicherheitsgeschirre gibt es auch zum Ausleihen für den Anfang. Hätte man den kleinen Hund mit einem Sicherheitsgeschirr übergeben und nicht mit Halsband, könnte er wahrscheinlich heute noch leben.

Wissen kann in diesem Fall Leben retten!

Angehende Halter eines Auslandshundes werden allerdings so manches Mal auch angelogen oder es werden wichtige Details verschwiegen. Muss das wirklich sein? Schützt man damit diesen Hund, den man aus dem Ausland geholt hat, wirklich? Oder sorgt man damit nicht eher dafür, dass das Leid weitergeht?

Wissen kann helfen, zu vermeiden, dass Tierschutzhunde zum Wanderpokal werden, weil die neuen Hundebesitzer nicht klar kommen mit einem Hund, der sich in seiner neuen Welt beileibe nicht so wohl fühlt und glücklich und dankbar ist, wie man das gerne hätte.

Ein Hund, der Angst hat, ein Hund der aus Angst beißen könnte. Ein Hund, der vor lauter Angst die Wohnung nicht mehr verlassen möchte. Ein Hund, der bei jedem Geräusch zu einem zitternden Bündel Angst mutiert. Ein Hund, der ein Leben auf der Straße gewöhnt ist und es im Haus gar nicht aushält und alles zerstört. Ein Hund, der in die Wohnung macht, weil er einfach nicht weiß, dass er das nicht soll. Er kennt es vielleicht nicht anders, weil er jahrelang eingesperrt gelebt hat. Ein Hund, der alles verteidigt und eigentlich nicht in eine Familie vermittelt gehört, in der kleine Kinder sind. Ein ressourcenverteidigender Hund, der jeden und alles weg beißt. Ein Hund, dem Kindergeschrei so zusetzt, dass er, da er eventuell nicht ausweichen kann, nach vorne geht.

Und dann das Tierheim?

Und dann im Tierheim landet. Und den nächsten Versuch wagen darf und wieder im Tierheim landet. Und so weiter und so fort? Muss das wirklich so sein?

Ja, verdammt noch mal, ein Hund bedeutet Arbeit. Und ein Tierschutzhund noch viel mehr. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass wir keine Hunde retten. Dass wir keine Dankbarkeit erwarten dürfen. Woher soll ein Hund auch Dankbarkeit kennen? Ein Hund ist schließlich kein Mensch – und mal ganz ehrlich, Dankbarkeit kennen schon wir Menschen nicht allzu gut.

Doch wenn man ausreichend informiert ist, sich darauf einstellen kann, dann ließe sich das alles vielleicht vermeiden. Auch wenn man nie auf alle Eventualitäten vorbereitet sein kann. So ist das nun mal im Leben. Doch vielleicht würde man anders entscheiden, vielleicht würde man entschließen, dass man sich so einen Hund nicht zutraut, vielleicht würde man entscheiden, es weiter zu versuchen und den Hund nicht ins Tierheim abzuschieben… Vielleicht!

Ich bin traurig und wütend. Immer noch.

Wo fängt Tierschutz an und wo hört er auf?

Diese Frage muss ich mir einfach stellen. Wie viel Sinn liegt darin, einen kleinen Hund aus dem Ausland nach Deutschland zu bringen und ihn dort kurze Zeit später begraben zu müssen? Stimmt das „zu Tode geschützt“ hier?

Seit wir unseren Hund haben, setze ich mich immer mehr mit dem Thema Auslandstierschutz auseinander. Und ich will mich informieren. Ich will wissen. Damit ich andere informieren kann. Das möchte ich auch mit meinen Blogbeiträgen erreichen. Dass Menschen, die dies hier lesen, sich ebenfalls Gedanken machen und gegebenenfalls Fragen stellen, viele Fragen. Dass Menschen sich informieren können – bevor sie einem Hund aus dem Auslandstierschutz ein Zuhause geben. Viele Hundetrainer bieten diese Informationsmöglichkeit an! Wir auch.

Das ist auch der Grund dafür, dass ich mich in den nächsten Monaten zum Tierschutzbegleiter ausbilden lasse. Aus diesem Grund besuche ich auch einen entsprechenden Vortrag über den Tierschutzhund und ein Seminar zum Thema „Angsthund“. Ich möchte so viel wie nur irgend möglich wissen und dieses Wissen auch weitergeben können.

Und somit vermeiden, dass noch ein Hund auf diese Weise leiden und sterben muss! Genau das wünsche ich mir sehr!

Zuerst erschienen auf Canem, Autorin Antonietta Matteo.

Antonietta Matteo lebt mit ihrem Mann und ihrem Hund Paolo in Fürstenfeldbruck. Sie hat sich vor kurzem mit ihrer mobilen Hundeschule „Canem“ selbständig gemacht. Nebenbei bloggt sie regelmäßig einmal die Woche über sich, ihren Hund und andere Themen rund um den Hund. Ihr Herzensthema ist der Tierschutz und hier vor allen Dingen die Aufklärung darüber, was, wo und wie man sich gut informieren kann, wenn man einen Tierschutzhund aufnehmen möchte.

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13 Gedanken zu “Gastbeitrag: Ein kleiner Hund im Himmel

  1. Das ist wirklich sehr traurig…
    Man muss sich seiner Verantwortung bewusst sein,wenn man sich einen Hund aus dem Ausland holt und sich im Vorwege ausreichend informieren.Aufklärung und auch Ehrlichkeit sind sehr wichtig…
    Ist es okay,wenn ich diesen Beitrag reblogge,um darauf aufmersam zu machen…

    Gefällt 1 Person

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