Zwei merkwürdige Begegnungen

An manchen Tagen hat man Begegnungen der besonderen Art: Sowohl heute morgen als auch bei unserer Mittagsrunde hatten wir eher unschöne Kontakte mit nicht angeleinten Hunden. Mit Charlie stellt das im Normalfall kein Problem dar, mit Lis hingegen kann es stressig werden, wenn der uns bedrängende Hund ihre Individualdistanz nicht einhält.

Freilauf und Leine

Ich verfahre in Gebieten, in denen Freilauf möglich ist, nach dem Prinzip: Begegnen wir einem angeleinten Hund, kommen meine Vierbeiner auch an die Leine. Ohne Wenn und Aber. Ich möchte einfach keinen Stress unterwegs und versuche, mich anderen Menschen gegenüber rücksichtsvoll zu verhalten. Egal ob Radfahrer, Spaziergänger, Stockenten oder Hundehalter. Natürlich bin ich nicht ohne Fehler und es ist mir auch schon mal passiert, dass ich zu spät reagiert habe. Dann entschuldige ich mich höflich und versuche, das Beste aus der Situation zu machen. Lis ist, seitdem sie bei mir lebt, noch nie spontan zu einem anderen Hund gelaufen. Sie reagiert immer nur, wenn wir bedrängt werden. Charlie hingegen hat manchmal Probleme mit der Impulskontrolle und stürmt los, besonders, wenn wir den anderen Hund kennen. Allerdings immer in einer friedlichen Absicht!

„Lulu, komm sofort her!“

Heute morgen ging ein ganzen Stück vor uns auf dem Weg eine Frau mit einem nicht angeleinten Hund. Labrador, schwarz, eher langsam unterwegs. Dachte ich. Denn als der Hund bemerkte, dass wir hinter ihm waren, ließ er sich zurückfallen, drehte sich zu uns und blockierte auf gute 30 m Entfernung den Weg. Duckte sich leicht, ging erst langsam auf uns zu und beschleunigte dann. Ich verlangsamte unser Tempo, um die Distanz nicht noch mehr zu verkleinern. Endlich bemerkte die Frau, dass ihr Hund nicht mehr an ihrer Seite war, drehte sich um und wurde umgehend panisch. Und ich meine hysterisch-panisch, mit dieser Stimmlage, die Stress und Unsicherheit ausdrückt. Mit dieser schrillen Stimme rief sie zuerst: „Lulu, komm sofort her!“ und dann in meine Richtung: „Die kann nicht mit Hündinnen!“.

Super. Zuerst schoss mir durch den Kopf: „Was kann sie denn nicht mit Hündinnen? Tanzen?“. Doch dann schaltete ich auf Autopilot und spulte unser Notfallprogramm ab. Charlie hat den tollen Vorteil, dass er Hunden, die sich bedrohlich nähern, erst mal abwartend und mit Charme begegnet. Lasse ich in solchen Situationen seine Leine fallen, wartet er ab und bleibt stehen. Das kann an seiner mangelnden Sehkraft liegen, er sieht die bedrohliche Körperhaltung nicht und nimmt vielleicht nur einen gestressten Duft wahr oder ähnliches. Jedenfalls bleibt er stehen, wedelt leicht und wartet. Dadurch verunsichert er viele Hunde und wir haben schon gewonnen, da unser hündisches Gegenüber durch die Verunsicherung oft wieder abrufbar wird. Passiert das nicht und es erfolgt ein Angriff, schaltet Charlie wahnsinnig schnell und läuft.

So auch heute morgen. Charlie blieb einfach stehen und harrte der Dinge, während Lis und ich langsam den Rückzug antraten und die Distanz zu der Hündin vergrößerten. Ich habe einfach keine Lust darauf, dass Lis in ihrem Alter mit einer deutlich größeren Hündin ringen muss. Also nutze ich Charlie schamlos als Prellbock. Die Frau rief und schrie währenddessen weiter nach ihrer Hündin und hatte nun endlich auch die rettende Idee, Ihren Hund einzusammeln. Sie setzte sich nun endlich in Bewegung, holte ihren Hund ein und leinte ungefähr 10 m vor Charlie an. Und nun kam Charlies Sternstunde: Ich rief ihn, er drehte sich zu mir um und kam postwendend zu Lis und mir zurück! Mission complete. Als Prellbock für den anderen Hund funktioniert und danach auch noch abrufbar. Ich quietschte und jauchzte vor Glück und lobte ihn überschwänglich.  Mein kleiner Held.

Wenn der Held Ärger bekommt

Heute Mittag auf unserer Runde war Charlie dann leider nicht ganz so heldenhaft und bekam einen Dämpfer. Der nicht angeleinte Hund war ein Rüde, näherte sich uns recht zügig, aber nicht aggressiv und ich ließ erneut Charlies Leine fallen. Die Jungs beschnupperten sich, drehten ein paar Kreise umeinander und dann entschied der Rüde, dass er Charlie doof findet. Wollte ihm den Kopf auf die Schulter legen und den dicken Mann markieren. Charlie fand das allerdings wenig amüsant und drehte sich elegant um die eigene Achse und wich dem Rüden aus. Dieser versuchte erneut sein Glück, scheiterte und verlor die Geduld, mit einem leichten Knurren und „In-die-Brust-werfen“ wollte er Charlie zur Räson bringen. Da Charlie weiter tänzelte, wurde er ungehalten und versuchte, Charlie durch stärkeres Knurren und den Versuch eines Besteigens zu beeindrucken. Das wurde Charlie nun wirklich ungemütlich und er lief los. („Lauf, Charlie, lauf!“) Schlug ein paar Haken und hängte den anderen ab. Ich entschied, mit Lis an der Leine zügigen Schrittes weiter zu gehen, in der Hoffnung, dass Charlie zu uns stößt und der andere Rüde uns nicht folgt. Während Lis und ich also Distanz schafften, musste Charlie alleine klar kommen. Der andere Rüde näherte sich wieder erneut, fuhr einen schnellen Angriff und rempelte Charlie um. Charlie rappelte sich auf und ich rief sofort nach ihm, um ihm unsere Position klar zu machen. Umgehend rannte er zu uns, der andere Rüde folgte nur langsam. Sein Ziel war nicht, Charlie in eine ernsthafte Schlägerei zu verwickeln, er wollte nur klar machen, dass er das Sagen hat. Wenn ich meine, dies zu erkennen, versuche ich, mich in solche Situationen nicht einzumischen. Erkenne ich keine wirkliche Gefahr, kann und sollte Charlie in meinen Augen lernen, damit umzugehen. Nur, wenn die Gefahr einer Verletzung droht, mische ich mich ein. Dann verteidigen Lis und ich Charlie mit unserem Leben. Doch die Situation heute war eher ein überzogenes Imponiergehabe und Ärger von einem älteren Rüden zu bekommen schadet Charlies Selbstbewusstsein nicht wirklich.

Die Reaktionen der Halter 

Halterin 1 vom Morgen sammelte ihren Hund ihrer Panikattacke ein.  Niemand kam zu schaden, aber entschuldigt hat sie sich auch nicht.

Halter 2 vom Mittag habe ich nie zu Gesicht bekommen. Wahrscheinlich war er auch im Wald unterwegs, nur eben nicht mit seinem Hund gemeinsam.

Mein Fazit

Vor einem Jahr wäre Charlie in beiden Situationen eher verängstigt als selbstbewusst gewesen, vor der Hündin hätte er sich winselnd auf den Boden geworfen und die Waffen gestreckt, bei ersten Versuch des Rüden, den Kopf auf seine Schulter zu legen, hätte er Fersengeld gegeben, egal in welche Richtung. Doch mittlerweile ist er erwachsener geworden, ruht mehr in sich, hat die Geduld, Situationen auch mal zu ertragen. Und das zu erleben stimmt mich fröhlich und stolz.

 

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16 Gedanken zu “Zwei merkwürdige Begegnungen

  1. Schade, das es immer wieder diese HH gibt,die ohne Leine unterwegs sind. Wir machen es auch so,das unsere an die Leine kommen,wenn angeleitet Hunde,Kinder ect entgegen kommen. Finde ich normal und selbstverständlich. Leider viele andere nicht….und ein Entschuldigung muss eine Fremdsprache sein😉😂 das Problem ist,das viele sich gar keine Mühe geben,die Sprache ihrer Hunde zu verstehen…..und die Sozialisierung fehlt leider auch oft….

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  2. Wie schön, dass Charlie so selbstbewusst geworden ist. Ich kenne diese Situationen auch. Bei uns ist Mia oft der Puffer zwischen freilaufenden Hunden und Kalle. Allerdings ist sie mit ihren zwölf Jahren mittlerweile nicht mehr die schnellste und ich merke immer öfter, dass sie diesen Job nicht mehr so gerne machen möchte. Also versuche ich gleichzeitig Kalle in Schach zu halten und den anderen Hund zu blocken oder abzulenken. Mit wechselndem Erfolg. Ist der andere zu aufdringlich, lasse ich Kalle mittlerweile ein Ansage machen. So dumm, in ihn hineinzurennen, war bisher noch keiner. Trotzdem wünschte ich, andere Hundehalter würden etwas mehr auf ihre Hunde achtgeben.

    Herzliche Grüße,
    Nora

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  3. Ich kapiere diese Leute nicht, wenn ich ehrlich bin. Wenn ich weiß, dass mein Hund ein Problem mit irgendeiner Sorte von irgendwas hat, dann gibt’s doch sicherlich Möglichkeiten. Muss ja nicht gleich die Leine sein (dass Hunde frei laufen müssen, halte ich für Teil der artgerechten Haltung), aber den Hund im Auge behalten und bei Gefahr im Verzug rechtzeitig der Griff ans Halsband?!
    Und einen Hund total aus den Augen zu lassen (egal wie viel Natur einen so umgibt), halte ich auch für unverantwortlich…

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  4. Oh so ein „Pufferhund“ ist wirklich Gold wert. Ich nutze Klimt ja auch notgedrungen also solchen, weil meine fast 13-jährige Louni keine Lust auf Kontakte hat und etliche Hundehalter, das blöderweise so gar nicht interessiert. Allerdings ist Klimt leider nicht ganz so souverän wie Charlie. Bei nem Aufreitversuch hätte es bestimmt kurz gekracht.

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  5. Mit Pufferhunden möchte Shiva immer spielen. Reinrumpelhunde sind das Schlimmste… mit denen fang ich den größten Streit an, weil Shiva damit ganz schlecht klar kommt. Sie reagiert panisch-aggressiv und ich brauche dann immer viel Training, dass sie nach so einer Situation wieder entspannt an anderen Hunden vorbei geht.

    Flauschige Grüße
    Sandra und Shiva

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  6. Ein schöner Artikel, und wie immer auch sehr Traurig, das Hundehalter es oft einfach nicht Lernen. Deine Maßnahme finde ich super! (mach ich auch immer (wirklich immer) so) Ist der andere Hund an der Leine kommt Vela auch dran. Ich habe bei ihr den Vorteil, dass sie eine sehr große Individualdistanz braucht! Bei weiten Feldern, läuft Sie fast bis an Ende und wartet dort bist die Begegnung vorbei ist und kommt dann wieder freudig zu mir.
    Ist der andere Frei gehe ich davon aus, dass der Besitzer sich seiner Verantwortung bewusst ist und in einer „Notfall“ Situation reagieren kann, was leider nicht mehr viele können und so kommt es immer häufiger zu Situation wo der Hund eigentlich gut Reagiert aber der Mensch alles Falsch macht. Oft muss ich dann reagieren um Vela zu schützen, was oft nicht leicht ist.
    Oft würden die Hunde viel entspannter sein, wenn die Besitzer nicht so hysterisch werden oder selber diesen Stress produzieren der sich dann auf die Hunde überträgt. Wer sagt eigentlich, dass ein Hund unglücklich ist, wenn er an der Leine ist? Wenn er nicht mit anderen kann oder nicht hört kommt halt die Schleppleine dran. Fertig.
    Ich finde es jedenfalls Toll wie du reagiert hast, solch eine „gekonnte“ Begegnung würden sich Vela und ich wünschen. Wir haben vor ein paar Tagen auch eine üble Begegnung gehabt und haben dies in einem Artikel verpackt.

    Liebe grüße

    Vela und Frauchen Anke

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  7. Ich finde solche Menschen ehrlich gesagt völlig verantwortungslos. Ich handhabe das wie du, dass ich meinen Hund an die Leine nehme wenn ein angeleinter Hund naht. Natürlich setzt das voraus, dass man sich aktiv mit seinem Hund beschäftigt und sich auf das Umfeld konzentriert. Das machen solche Menschen leider nicht, sind viel zu sehr mit sich beschäftigt. Oder sind einfach nur naiv und vermenschlichen Hunde á la die müssen sich sich doch mal Hallo sagen.

    Super, dass du deine Hunde so gut kennst und spontan intervenieren kannst.

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  8. Pingback: Der Charmeur in seinem Element | dreipunktecharlie

  9. Am Anfang hatte ich immer noch Wasser dabei, da Duki an der Leine zum Wildfang wurde, als andere Hunde unseren Weg kreuzten. Da hat schon mal der eine oder andere fremde Hunde auch eine Ladung abbekommen.
    Das ewige Leinenthema… es ist so mühsam. 😦 Wie wurde ich schon beschmipft, ich sei arrogant und „mein Hund dürfe ja garnicht spielen!“. Oh man. Ich wunder mich immer wieder, wie gedanken- und respektlos Hundehalter sein können. Das war mir vor Duki nie bewusst… grade von der Sorte Mensch, die ein Tier halten, hätte ich was ganz anderes erwartet. Wie hoch erfreut ich immer bin, wenn ich Mensch und Hund sehe, die tatsächlich in Kontakt zueinander stehen… ob durchs Training, oder einfach ein Bild des Einklangs bilden. Viel zu selten sehe ich solche Momente.

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