Der Charmeur in seinem Element

Vergangene Woche haben LeinenEngel und The Pell-Mell Pack Fotos und Beiträge rund um die Körpersprache veröffentlicht. Unter anderem bei Facebook und alle Leser durften sich an der Beschreibung und Interpretation beteiligen. Eine tolle Idee, wie ich finde! Mir ist dabei aufgefallen, dass ich besonders dann im Erkennen von Körpersprache gut bin, wenn es um Hunde geht, die sich wie Lis verhalten. Also Situationen, in denen ein Hund unsicher ist, Abwehr-Aggression, ein stark territoriales Verhalten oder ähnliches zeigt. Ich bin „besonders vorbelastet“, offensichtlich. Diese Erkenntnis regte mich dazu an, genauer zu betrachten, wie Lis mich über die Jahre geprägt hat und welche Auswirkungen das auf Charlie hat.

Die Eigenheiten von Lis 

Lis ist ein Hund, der eine große Individualdistanz hat, andere Hunde eher meidet und fremde Menschen ebenso. Über die Jahre hinweg habe ich gelernt, sie zu lesen. Schon die kleinste Veränderung der Ohren oder ihrer Mimik verrät mir, wie es ihr geht. Ist sie unsicher, hängen die Ohrspitzen leicht nach unten, geht sie in eine Abwehrhaltung, wird ihr Körper steif. Zucken die Lefzen leicht, ist ein Knurren und Zähnefletschen nicht mehr weit.

Sie so lesen und einschätzen zu können, hat viele Vorteile: Ich kann die Situation besser einschätzen, eine Eskalation und Stress für alle Beteiligten vermeiden. In all den Jahren hat Lis niemals gebissen und in Schlägereien wurde sie nur verwickelt, weil der andere Hund nicht an der Leine / nicht abrufbar war. Von ihr gehen in meinem Beisein keine aktiven Angriffe aus, es sei denn, ich bin gezwungen, die Leine fallen zu lassen, um uns zu schützen. So lernte ich mit der Zeit auch, fremden Hunde schon auf Distanz einzuschätzen. Ich erkenne heute aus der Ferne, ob ein Hund den Weg blockieren, uns Ärger machen oder seine Ruhe haben will. So kann ich frühzeitig reagieren, einen Bogen gehen oder ausweichen. Manchmal gehe ich auch einfach zurück, falls sich keine andere Möglichkeit bietet. Denn aggressive Konfrontationen hatten wir ausreichend viele und ich habe keinerlei Bedarf mehr daran.

Natürlich gibt es Hunde, mit denen Lis zurecht kommt, alte Bekannte und manchmal auch neue Bekanntschaften. Dies ist aber meist ein „spezieller Schlag“ Hund: Selbstbewusst, aber nicht aufdringlich. Ruhig, im Sinne von „in sich ruhend“. Wenig an anderen Hunden und Körperkontakt interessiert, nicht stürmisch. Solche Hunde haben eine klare Körpersprache, beherrschen das „Begrüßungsritual“ der langsamen Annäherung und sind entspannt genug, um mit Lis Stress umzugehen.

Auch mit jugendlich-stürmischen Charakteren kann Lis nach einiger Zeit umgehen, freudig auf sie zustürmende Hunde werden anfangs mit einem charmanten Grinsen auf Abstand gehalten, vielleicht mal deutlicher zurecht gewiesen und irgendwann einfach akzeptiert.

Charlie und die anderen

Ganz anders Charlie: Er kommt mit jedem Hund zurecht. Blockiert ein anderer Hund den Weg und will Stärke demonstrieren, beherrscht Charlie ein flaches Wedeln gepaart mit einer leicht unterwürfigen Haltung, die jeden Hund beruhigt. (Lis hingegen fühlt sich sofort provoziert und will diese Herausforderung gerne annehmen. Ihr stellt sich niemand in den Weg. Niemand.)

Wird Charlie angegriffen, so läuft er. Er schlägt Haken, düst von A nach B und macht seinen Gegner mürbe. Hat er ihn abgeschüttelt, kommt er zu mir zurück und wir ziehen von Dannen.

Stürmt ein Hund freudig auf Charlie zu, erkennt er sofort die Aufforderung zum Toben, die ihm jederzeit herzlich willkommen ist. Charlie tobt und spielt gerne mit jedem. Rennspiele und „Rüpeleien“ sind seine Leidenschaft.

Charlie ist ein Hund, den ich nicht exakt beobachten muss, wenn wir draußen unterwegs sind. Er ist nicht angespannt bei Hundebegegnungen und freut sich über jeden hündischen Kontakt.

Wie wir uns auf Spaziergängen verhalten

Bis vor einiger Zeit habe ich Charlie an Lis und mich angepasst. Das hat den Vorteil, dass er vielen unangenehmen Begegnungen mit uns aus dem Weg gegangen ist, wir hatten in über 2,5 Jahren weniger als zehn negative Hundekontakte. Ich bin eben ein Profi im Einschätzen von Situationen und dem Ausweichen… Das hat aber auch den Nachteil, dass ihm positive Kontakte entgangen sein könnten. Wir kennen Hunde, die wir regelmäßig treffen, zu denen er wiederholten Kontakt hat. Aber fremden Hunden sind wir eben häufig aus dem Weg gegangen.

Doch das ändert sich in den letzten Monaten. Wir sind viel unterwegs (Treffen mit lieben Bloggern, Berlin, Enki besuchen, ein verlängertes Wochenende irgendwo) und sind so auf Strecken unterwegs, die wir nicht kennen und die häufig stark frequentiert sind. Ein Ausweichen ist dann nicht immer möglich. Ich musste also eine neue Taktik entwickeln. Beide Hunde anleinen? Brachte nicht den gewünschten Erfolg. In der Großstadt interessiert es noch weniger als auf dem Land (so meine Erfahrung), ob ein Hund an der Leine ist. So hatten wir doofe Kontakte mit unangeleinten Hunden. Lis hatte Stress, weil sie keinen Kontakt wollte, Charlie hatte Stress, weil er gerne mehr Kontakt gehabt hätte. Beide Hunde ohne Leine? Das bietet Lis nur die Möglichkeit, Scheinangriffe zu fahren, die absolut unnötig und unerwünscht sind.

Bei einigen Hundebegegnungen habe ich Charlie bereits erfolgreich als Prellbock eingesetzt. Ich nutze ihn dann, um andere Hunde von Lis fernzuhalten. Das klappt hervorragend und ich kann mit Lis ohne großen Stress den Spaziergang fortsetzen. In diesem Falle läuft Charlie ohne Leine und Lis an der kurzen Leine bei mir. Charlie kann so seiner Leidenschaft der sozialen Kontakte frönen und Lis hat ihre Ruhe.

Diese „Technik“ nutze ich in letzer Zeit oft. Ob am See, an dem schon andere Hunde am Strand toben, oder im Hundepark. Laufen die anderen Hunde frei, darf Charlie auch frei laufen und Lis bleibt bei mir.

Der Hunde-See – Kontakte am laufenden Band

Bemerkenswert ist für mich ein Erlebnis in Berlin:  Dort umrundet man einen großen See und auf der Strecke, für die wir gut 1,5 Stunden brauchten, haben wir mindestens 50 Hunde getroffen. Alle freilaufend, alle an Kontakten interessiert. In meinen Augen die totale Anarchie. Jeder läuft überall entlang, kreuz und quer auf den Wegen, vor und zurück. Die Halter spazieren einzeln oder in Gruppen, telefonieren, unterhalten sich, lassen ihre Hunde einfach machen. Wow. So etwas beschert Lis und mir Herzrasen. Aber gut, ich hatte diese Runde gewählt und der Rückweg wäre genau so anstregend gewesen, wie das Fortsetzen der Runde. Nach kurzer Zeit entschied ich: Charlie darf einfach freilaufen und das tun, was die anderen Hunde tun. Schon nach kurzer Zeit hatte er zwei neue beste Freunde: Berner Sennen-Geschwister, mitten in der Pubertät. Die drei rauften und tobten in einem Radius von 25 m um uns herum und alle anderen Hunde, die dazu stießen, wurden begrüßt und involviert. Lis und ich standen auf dem Weg, aneinander angeleint und staunten Bauklötze. Alles wuselte durcheinander, miteinander umher und Charlie war der glücklichste Hund der Welt. Er blieb die ganze Zeit fest an der Seite eines der Sennenhunde und orientiert sich an ihm. So hatte er einen persönlichen Guide und konnte dem bunten Treiben beiwohnen. Wir setzten unseren Weg fort und wurden von einem Teil der Hunde begleitet. Mit einem Mal drehte die Meute ab, Charlie an der Flanke des Sennenhundes ebenso, und rannte in Richtung See. Dort war ein „Hundestrand“, an dem einige Hunde unterwegs waren. Die Truppe sprintete ins Wasser, plantschte und trank und nach einem prüfenden Blick zu Charlie ging ich weiter. Drehte mich nach ein paar Metern um, pfiff, Charlie folgte uns und wir liefen zusammen weiter.  Seine neuen Kumpels blieben noch am See, was Charlie aber verschmerzen konnte, da schon nach wenigen Metern der nächste Hundekontakt auf dem Weg erfolgte.

Auf dieser Runde hatte Charlie alle gefühlte zwei Minuten einen Hundekontakt. Spielte den fröhlichen Prellbock für mich und Lis, mit der ich versuchte, möglichst Allem auszuweichen. Das gelang nicht immer, Lis zickte den Ein oder Anderen an, aber es war weniger stressig, als erwartet.

Was ich an Charlie bewundere: Er ist abrufbar. Egal wie sehr er tobt, wenn ich pfeife oder rufe, kommt er sofort zu uns. Ich musste ihn nicht einmal einsammeln. Er findet immer einen Hund, an dem er sich orientieren kann. Den er als „Blindenhund“ benutzt. Diesem Hund setzt er sich an die Flanke und läuft mit ihm mit. So vermeidet er Zusammenstöße und Unfälle weitestgehend. Natürlich stolpert er öfter, hat mal kleinere Zusammenstöße oder verliert die Orientierung. Aber dann sind Lis und ich da, ich gebe ihm ein Zeichen und er findet uns wieder.

Nach diesem Erlebnis versuche ich, Charlie öfter abzuleinen, wenn uns begegnende Hund ohne Leine sind. Lis bleibt an der Leine, wird von mir geführt und aus der Situation heraus gehalten.

Charlie gibt den Charmeur, Lis und ich gehen unserer Wege

Natürlich lese ich nach wie vor die Körpersprache der anderen Hunde, ich würde Charlie niemals ableinen, wenn der Hund mir aggressiv vorkommt. Aber ich bin entspannter geworden, lasse Charlie auch mal seine eigenen Erfahrungen machen. Er ist anders als Lis. Er reagiert auf Aggression nicht mit einer Gegen-Aggression. Er hat gerne (positive) soziale Kontakte. Er ist nicht unsicher, er hat keine nennenswerte Individualdistanz. Und er gibt leichter nach als Lis, weicht Ärger aus und beschwichtigt eher, als Gegendruck zu zeigen.

Gestern Abend am Teich bei uns haben wir eine Dame mit ihrer Hündin getroffen. Wir standen am Wasser, Charlie schwamm, Lis an der Leine bei mir. Die Dame fragte, ob sie dazu kommen dürfe, ihre Hündin sei allerdings manchmal zickig mit ihrem Ball. Früher wäre ich gegangen. Heute bitte ich darum, Lis und mich nicht zu belästigen und weiß sicher, dass Charlie zurecht kommen wird. Die Hündin und er begrüßten sich kurz, die Dame warf den Ball ins Wasser. Charlie verlor sofort das Interesse. Er hat kein Interesse an dem Spielzeug anderer Hunde, das lässt ihn kalt. Er kam wieder zu Lis und mir, plantschte noch eine Runde und wir gingen nach Hause.

Ich merke: Die Kontakte tun Charlie gut. Wenn ich entspannt bin und er toben kann, ist seine Welt ein Stück schöner. Und für Lis ist es egal, Hauptsache, ihre Individualdistanz wird eingehalten und sie muss sich nicht mit den anderen Hunden auseinander setzen.

Ich werde nie ein Freund großer Hunderunden werden, das ist sicher. Es ist aber auch sicher, dass ich Charlie nicht mehr sofort anleinen werde, wenn uns ein freundlicher Hund ohne Leine begegnet. Ich bin lernfähig und wenn ich ihm so Stress erspare und Freude bereite, dann ist es sicherlich so lange möglich, wie Lis nicht unnötig großen Stress dabei hat. Und den hat sie nicht, so lange wir weiter gehen und sie den Kontakt nicht zwingend haben muss. Vielleicht ist das eine ausgewogene Lösung: Lis und ich gehen weiter, grüßen kurz und Charlie kann den Charmeur spielen.

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20 Gedanken zu “Der Charmeur in seinem Element

  1. Gibt ja gar nichts besseres als seine Hunde so gut zu kennen! So bist du immer in der Lage rechtzeitig einzuspringen falls doch mal etwas sein sollte.. total interessant wie unterschiedlich deine Hunde zueinander sind 🙂

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    • Charlie lerne ich immer noch kennen, den Eindruck habe ich zumindest. 😉 Ich bin ehrlich gesagt froh, dass sie so unterschiedlich sind. Wäre Charlie genauso „sozial inkompetent“ wie Lis, würde ich denken, dass es an mir liegt und die Hundehaltung wahrscheinlich komplett aufhören… Klar beeinflusse ich ihr Verhalten, aber die Unterschiede zeigen mir, dass ich nicht alleiniger Auslöser bin.

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  2. Da sind sich unsere Hunde erstaunlich ähnlich. Also Charlie und Mia (die in ihrem Alter nicht mehr viel spielt, aber früher war sie auch so) bzw. Lis und Kalle. Interessanterweise haben wir wohl ähnliche Wege gefunden, mit diesen unterschiedlichen Charakteren umzugehen. Das freut mich, dann kann es ja nicht so falsch sein, was ich tue. 🙂

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  3. Auf dem einen Foto sieht es ja so aus, als hätte Charlie ein Enki-Look-Alike gefunden. Ich musste echt zwei mal hinsehen. 😃
    Aber im Ernst, ich finde, du hast auch für Charlie ein sehr gutes Auge und führst die beiden unglaublich toll. Ich stehe jedes Mal staunend da und hoffe, dass wir mit genug Zeit auch mal so eingespielt sein werden.

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      • Ähm, ja. Der zauberhafte, wilde, ach ja, blinde Charlie ist der geborene Anfängerhund. 😉 Nein, meine Liebe. Charlie ist für dich leichtführig, weil du du bist und ihr ein perfektes Team geworden seid.
        Danke für das Kompliment. In solchen Momenten bin ich mit Luna auf einer Ebene, die ich von Jamie noch kenne. Dann läuft es super. Aber wehe, sie riecht Wild. 😂
        Mit Enki fehlt mir diese Ebene noch, wenn hündische Ablenkung dabei ist. Da reicht auch schon die bekannte Luna. Allein sind wir auch schon oft auf einer Kommunikationsebene. Sobald ein anderer Hund dazu kommt, könnte ich heulen. Ich bin nicht mehr existent. Aber gut, es wird besser und besser und langsam gewöhne ich mich daran, mit ihm alles langsamer zu schaffen, als mit seinen Vorgängern.

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      • Ich will weder kokettieren noch diskutieren, aber von einem perfekten Team sind wir noch weit entfernt. Und das ist auch gut so, mir würden die chaotischen Momente fehlen. 😉 Und im Vergleich zu Lis ist Charlie ein leichtführiges Lämmchen. 😂
        Ich habe Enki anders wahrgenommen, als Du es vielleicht tust. Ja, er ist, wie Charlie, verrückt nach anderen Hunden und kein klassisches Arbeitstier. 😉 Aber: Ich hatte den Eindruck, mit einem Auge oder Ohr ist er immer bei Dir. Und da er der Enkman mit Superkräften ist, reicht das für das Wesentliche. 😉

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